Kategorie: Zeitgenössisches

Jürgen Bauer – Was wir fürchten

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„Du bist ja paranoid. Halt einfach den Mund und sei still.“

Das ist der Satz, der Georg in seiner Kindheit geprägt hat und der ihn auch durch sein ganzes späteres Leben begleiten wird. Aufgewachsen mit einem psychisch kranken Vater und einer Mutter, die sich aufreibt und auflöst beim Versuch, das Bild der intakten Familie aufrecht zu erhalten und gleichzeitig ohnmächtig zusieht, wie ihr zuerst der Mann und dann der Sohn in den (vermeintlichen?) Wahnsinn entgleiten. Weiterlesen

Helle Helle – Färseninsel

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„Ich suche einen guten Ort, um zu weinen. Einen solchen zu finden, ist gar nicht so leicht. Ich bin mehrere Stunden mit dem Bus gefahren, jetzt sitze ich auf einer wackeligen Bank draußen an der Küste.“

Da sitzt sie nun. Alleine, den Rest ihres alten Lebens im Rollenkoffer neben sich. Weil ein angekündigter Orkan aufzieht, wird ein junges Pärchen auf sie aufmerksam und die beiden nehmen Bente, wie die Unbekannte von ihnen nun genannt wird, kurzerhand bei sich auf. Aus der einen Nacht werden ein paar Tage, Weiterlesen

Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

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Vordergründig geht es in diesem Buch nur um Sex. Genauer um den Sex, den man nicht hat. Und die Frage, ob es einem besser ginge, hätte man ihn. Aber auch um Angst, Sehnsucht, Frust, Langeweile, Ekel, Selbsthass und Verzweiflung. Das Buch hat mich zuerst begeistert, dann irritiert – zurück lässt es mich ein wenig ratlos. Aber der Reihe nach… Weiterlesen

Gudmundur Andri Thorsson – In den Wind geflüstert

Thorsson - In den Wind geflüstert

Kann man auf 175 Seiten eine Geschichte erzählen, in der es eigentlich nur um zwei Minuten geht? Zwei Minuten, in denen nichts passiert, außer dass eine Frau mit dem Rad durch den isländischen Küstenort Valeyri fährt? Ja, man kann. Guðmundur Andri Thorsson kann. Weiterlesen

Hanna Johansen – Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte

Hanna Johansen - Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte

„Ich lerne Klavier spielen. Was dieser Satz bedeutet, weiß ich noch nicht. Es gefällt mir, das nicht zu wissen. Dagegen verwirrt mich, was er früher bedeutet hätte.“

Dieser erste Satz faszinierte mich, machte mich neugierig und ich war gespannt, ob diese Faszination das ganze Buch über anhalten konnte. Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41

Jean-Philippe Blondel 6 Uhr 41 HANSER

 

Wenn man eine längere Fahrt mit dem Zug vor sich hat, hofft man vielleicht auf etwas Ruhe, Zeit zum Lesen, zum Rausschauen und um die Gedanken fliegen lassen zu können. Was man meist nicht braucht, sind unangenehme Gerüche, Notbremsungen und Sitznachbarn, die einen ohne Luft zu holen zutexten oder einem zu nah auf den Pelz rücken.

Was man an einem frühen Montagmorgen als beruflich erfolgreiche, selbständige Mittvierzigerin nach einem absolut verkorksten Wochenende bei den langsam dem Altersstarrsinn verfallenden Eltern definitiv nicht braucht, ist ein Ex-Partner, der sich auf den einzig noch frei gebliebenen Platz im Abteil setzt – und sich dieser einzig freie Platz (natürlich!) direkt neben einem befindet. Ein Ex-Freund, mit dem man vor fast dreißig Jahren vier Monate lang liiert war, dem man nach dem finalen Wochenende in London allenfalls noch die Pest an den Hals wünschte und ihn in diesem Leben bitte schön nie mehr wiedersehen wollte. Weiterlesen

Dorian Steinhoff – Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern

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Wie, bitte,  soll man  eine einzige, zusammenfassende Rezension über eine Sammlung von sieben völlig unterschiedlichen Erzählungen verfassen, bei der jede Erzählung für sich genommen irgendwie besonders ist? Ich versuche es trotzdem:

Wir kennen sie alle, diese Situationen, die diesen gewissen einen Punkt markieren, an dem unser Leben eine andere Richtung einschlägt. Dass wir diesen Punkt oft erst im Nachhinein als solchen erkennen, macht die Sache dabei nicht einfacher. Weiterlesen

Marion Poschmann – Die Sonnenposition

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„Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen, uns zu erinnern. Indem wir einen Duft aufnehmen, einen Klang, eine vage Empfindung, und daraus eine Vergangenheit konstruieren, die stattgefunden haben könnte, stattgefunden hat, und jetzt nur mehr eine Atmosphäre ist, die uns durchdringt.“

Was für ein Geschwurbel! Das war mein erster Gedanke, nachdem ich die ersten Seiten von Marion Poschmanns „Sonnenposition“ gelesen hatte.  Ellenlange, seitenlange Ausführungen über Aussehen, Art und Beschaffenheit des alten Schlosses im Osten Deutschlands, das nach der Wende eine psychiatrische Anstalt beherbergt und in dem der Protagonist Altfried Janich als Psychiater angestellt ist. Weiterlesen

Ulla-Lena Lundberg – EIS

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In diesem Jahr ist Finnland das Gastland der Frankfurter Buchmesse – Anlass genug, gezielt die finnische Literatur näher ins Auge zu fassen. Den Anfang macht „Eis“ in meiner kleinen Auswahl und dieses Buch ist gleichzeitig auch das erste Werk Ulla-Lena Lundbergs, das ins Deutsche übersetzt und hier veröffentlich wurde.

Alle Zeichen stehen auf Neuanfang an einem sehr kalten, sehr frühen Morgen im Mai, im Schärengürtel zwischen Schweden und Finnland. Der neue Pastor Petter Kummel, seine Frau Mona und die gemeinsame Tochter Sanna werden von einem Empfangskomitee herzlich begrüßt, als sie am Steg der Pfarrinsel mit dem Boot anlegen. Weiterlesen

Véronique Olmi et moi

Es ist schon lange her, das erste Treffen zwischen Véronique Olmi und mir. Wir trafen uns 2003 am Meeresrand…

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…und es verlief völlig anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Auch anders, als der Klappentext versprochen hat. Dabei hat er noch nicht einmal gelogen, dieser Klappentext – oder mir etwas vorgegaukelt, was das Buch nicht halten konnte. Von daher kann ich ihm noch nicht einmal Vorhaltungen machen. Weiterlesen