Kategorie: Zeitgenössisches

Anne von Canal – Der Grund

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Untergang der Estonia am 29. September  1994:

„In der Schwärze der Nacht, in tosendem Sturm, reckte das weiß-blaue Schiff um 01.48 Uhr ein letztes Mal den Bug in die Luft und versank nach weniger als einer Stunde mit einem lauten Seufzer. Mit ihm verschwanden die Wünsche und Träume, die Sehnsüchte, Sorgen, Ängste und Pläne all jener, die an Bord geblieben waren.“ (Seite 11)

Ein Pianist, der in Venedig auf ein Kreuzfahrtschiff geht. Der lieber auf der Flucht ist und sich doch nichts sehnlicher wünscht als einen Hafen, in dem er zur Ruhe kommen kann. Er kann nicht schlafen, betäubt sich mit Whisky, sucht Trost bei fremden Frauen und führt Tagebuch, um sich selbst nicht vollends zu verlieren. Er ist präziser Beobachter am Klavier, sieht und versteht mehr als viel – aber verharrt in ständiger Distanz.

Laurits, ein klassischer Oberklassefuzzi, sitzt  vor dem Prüfungskomitee eines Konservatoriums, spielt um die dortige Aufnahme – und um sein Leben, denn für ihn gibt es nur diese eine Chance: schafft er die Aufnahme nicht, muss er Medizin studieren. Nur unter dieser Bedingung stimmte sein Vater überhaupt einer Teilnahme zu. Weiterlesen

Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen

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Darf man das?

 

 

„Wir waren bei den Wochenendeinkäufen im Supermarkt. Irgendwann sagt sie, stell dich schon mal in die Käseschlange, ich kümmer mich um die anderen Lebensmittel.“

 

Das ist der erste Satz und er macht schon deutlich, wie zielstrebig Yasmina Reza auch in diesem Werk vorgeht. Es wird keine Zeit mit Nebensächlichkeiten verschwendet; es gibt keine Vorbereitung, man ist sofort mittendrin.

 

Mittendrin im Wochenendeinkauf eines modernen Paares, das sich den Einkauf teilt. Vielleicht trinken sie nachher noch gemütlich einen Latte Macchiato, vielleicht haben sie liebgewonnene Rituale, wer weiß. Weiterlesen

Thomas Klugkist – Hanna und Sebastian

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Im Frühjahr konnte man sich beim Verlag C.H.Beck um ein Rezensionsexemplar des Buches „Hanna und Sebastian“ von Thomas Klugkist bewerben. Der Klappentext versprach:

„Dieser sinnlich-virtuose Roman, das literarische Debüt von Thomas Klugkist, erzählt in Briefen, Mails und SMS von einem rückhaltlosen Liebes- und Beziehungsexperiment.“

Das hatte meine Neugierde geweckt; vor allem, weil die Idee, einen Roman nicht in Erzählform, sondern in Brief-, SMS- oder Mailsequenzen zu verfassen, nicht neu ist. Ich habe „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer gelesen (ganz nett) und im letzten Jahr folgte „Warte auf mich“ vom Autorenpaar Philipp Andersen und Miriam Bach (schon besser).

Entsprechend gespannt war ich, wie ein Mann, der seine Dissertation über Thomas Manns „Doktor Faustus“ schrieb, sich diesem Thema nähert.

Und es war – anfangs seltsam, manchmal irritierend, häufig anstrengend. Aber auch intensiv berührend und dauerhaft die Gedanken zum Fliegen bringend. Schwer beschreibbar.

Ich habe lange überlegt, wie ich eine Rezension verfassen kann, die dem Buch gerecht wird und gleichzeitig meine persönlichen Leseeindrücke zusammenfasst. Mir kam die Idee, dass die Form des Briefwechsels vielleicht angemessen sei – und wer wäre dazu wohl besser geeignet, als der Autor des Buches selbst? In einem meiner impulsiv-wagemutigen Momente schrieb ich ihn kurzerhand an. Und was soll ich sagen… Das kam dabei heraus:

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Simon van Booy – Die Illusion des Getrenntseins

Die Illusion des Getrenntseins

 

Was der Klappentext verrät:

„Eine kleine Bäckerei in Paris, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Ein Soldat, dem in einem Akt der Güte das Leben geschenkt wird und der damit das Richtige tut. Eine mutige junge Frau, die offene Arme hat für ein Neugeborenes ohne Namen. Und ein Autor, der die Geschichte dieser Menschen in einer wunderbar zarten, eleganten Prosa erzählt – und dabei die unglaubliche Wucht menschlichen Schicksals entfaltet.“

Als Martin schon fast alt genug für die Schule ist, erzählen ihm seine Eltern, dass ihnen vor einigen Jahren, mitten in den Kriegswirren, ein Fremder ein Baby auf den Arm gedrückt hat: ihn selbst. Er braucht Jahre, um seine Herkunft zu begreifen – und er braucht sein ganzes Leben, um dem Mann zu begegnen, der ihn einst gerettet hat. Und auch dann weiß er nicht, wer da vor ihm steht.

Was ich verrate:

Getragen wird die Geschichte von dem Gedanken, dass  all unsere Leben auf irgendeine Weise miteinander verwoben sind.

„Wo wir auch hingehen, wir hinterlassen immer etwas von uns, ob wir es merken oder nicht.“ Weiterlesen

Julian Barnes – Vom Ende einer Geschichte

 

 

„Geschichte ist die Ungewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.“

 

 

Wie wurden wir zu dem, was wir heute sind?

Wie wahr ist unsere Vergangenheit, unsere Erinnerung daran oder das, was wir dafür halten?

Tony Barnes, der sein Arbeitsleben bereits hinter sich gelassen hat und in seinen wohlverdienten Ruhestand starten will, wird durch eine unerwartete Erbschaft plötzlich  gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit oder vielmehr mit dem, was er bisher dafür hielt, auseinanderzusetzen. Ihm, der wie er im Laufe der Geschichte selber feststellen muss, dem das Leben und seine Besonderheiten immer irgendwie passiert sind, der sich mit den Entwicklungen  immer nur arrangiert hat und sich den Gegebenheiten nur zu gerne fügte. Weiterlesen

Doris Knecht – Besser

„Die Kaufmanns haben sich getrennt. Ich konnte es gar nicht glauben. Sie haben erst im August geheiratet, mit einem großen Fest. Es war schön, schöner als meine eigene Hochzeit, leichter, lockerer, rührender. Wahrscheinlich, weil ich nur Gast war und Publikum, ganz unangespannt. Ich denke nicht sehr gern an meine Hochzeit, vielleicht, weil ich damals die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass Adam hereingelegt wird. Von mir.“

Zack! Beim Lesen der ersten Zeilen ahnt man’s, spätestens nach der zweiten Seite weiß man’s: „Besser“ ist nichts für Romantiker. Doris Knecht nennt die Dinge beim Namen – glasklar, schonungslos und unmissverständlich. Und gerade diese Sprache ist es, die es mir so angetan hat; die eine unglaubliche Präsenz der Charaktere und ihrer Verflechtungen miteinander schuf; die mich gebannt die Geschichte bis zum Ende verfolgen ließ. Es ist kein gemütliches Buch: es ist aufwühlend, nachdenklich machend, Fragen aufwerfend; im einen Moment möchte man laut lachen, während einem beim unmittelbar nächsten Satz eben dieses Lachen im Halse stecken bleibt.

Antonia Pollak lebt das auf Hochglanz polierte Vorzeigeleben eines „BoBo’s“ – glückliche Ehe, fürsorglicher Ehemann, keine Geldsorgen, eigenes Atelier, zwei gut geratene Kinder. Man trifft sich mit guten Freunden zum Essen, Trinken und Diskutieren. Alles geordnet, alles schön, alles passt.

Aber als Leser weiß man mehr. Weiterlesen

Eva Menasse – Quasikristalle

quasikristalle

Auszug aus dem Klappentext:

Was wissen wir wirklich über uns selbst? Und was vom anderen? In dreizehn Kapiteln zerlegt Eva Menasse die Biografie einer Frau in ihre unterschiedlichen Aspekte.  Aus diesem Mosaik tritt auf magische Weise ein kühner Roman hervor, der wie nebenbei die Fragen nach Wahrnehmung und Wahrheit stellt.

Mein Leselust am Buch:

Nach den vielen Rezensionen, die in ihrer Einschätzung teilweise sehr voneinander abwichen, war ich natürlich sehr gespannt, wie der Lesegenuss der „Quasikristalle“ für mich ausfallen würde.

In vielen anderen Romanen, in denen eine Lebensgeschichte aus verschieden Perspektiven oder in unterschiedlichen Zeiten geschildert wird, hangelt der Leser sich an einer Art Faden durch das Leben des Protagonisten. Dieser Faden dient sozusagen als Gerüst oder  verbindendes Element; durch ihn werden die einzelnen Komponenten in Bezug zueinander gestellt. Auf diesen Faden verzichtet Eva Menasse.

 In 13 Kapiteln lernen wir die Protagonistin Xane in verschiedenen Stadien ihres Lebens kennen, Weiterlesen

Rebekka Knoll – Das Kratzen bunter Kreide

Rebekka Knoll - Das Kratzen bunter Kreide

Autorin
Rebekka Knoll wurde 1988 in Kassel geboren und wuchs auf dem Land auf. Um Germanistik und Theaterwissenschaft zu studieren, zog sie in verschiedene Städte: zunächst nach Erlangen und von dort nach Bern, später nach Frankfurt und dann nach Berlin, wo sie derzeit lebt. 2010 wurde sie als Nachwuchsautorin der Literaturstiftung Bayern im Rahmen des Festivals »Literatur Update Bayern« ausgewählt. »Das Kratzen bunter Kreide« ist ihr Debütroman.

Klappentext
Maja spielt gern, am liebsten mit Jakob und Felix um Nähe, Gefühle und Macht. Sie beginnt mit den zwei Männern eine Fernbeziehung, schreibt sich mit ihnen über Facebook, trifft sie auf lauten Partys, liebt sie zwischen Umzugskartons. Und obwohl Felix und Jakob wissen, dass sie sich Maja teilen, machen sie mit. Denn so unterschiedlich die zwei auch sind, sie beide besitzen Ehrgeiz und haben nicht vor, diese Partie zu verlieren.
Doch während Maja die Tage mit Felix und Jakob genießt, driftet sie nachts in immer geheimnisvollere Träume ab. In ihnen ist es plötzlich ganz still, sie kann nur ein Klopfen hören, Schritte oder das leise Aufprallen eines Basketballs. Auf der Suche nach der Ursache blickt sie in ihre Kindheit zurück und kommt dem Grund für ihre Spielleidenschaft gefährlich nah…

Meine Meinung
Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich so hin- und hergerissen war zwischen abbrechen und weiterlesen. „Das Kratzen bunter Kreide“ ist weder Fisch noch Fleisch; es ist nicht langweilig, vermochte mich aber auch nicht wirklich zu fesseln.

Das fing schon mit der Sprache an: im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten empfand ich ihre Sprache nicht als „modern und knapp“ – sondern ziemlich plump. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Autorin hätte ihre Geschichte im Rahmen einer Workshopaufgabe geschrieben und reihte nun Satz an Satz, um das Thema irgendwie in Worte packen zu können. Weiterlesen