Alejandro Zambra – Bonsai

Bonsai_AlejandroZambra_Suhrkamp

„Am Ende stirbt sie, und er bleibt allein, doch allein war er schon mehrere Jahre vor ihrem Tod, vor dem Tod Emilias. Sagen wir, sie heißt oder hieß Emilia, und er heißt, hieß und heißt immer noch Julio. Julio und Emilia. Am Ende stirbt Emilia, Julio stirbt nicht. Der Rest ist Literatur:“ (S. 11)

So beginnt er, der „Bonsai“ von Alejandro Zambra. Ich sollte vorausschicken, dass ich es nicht so wirklich kann mit den Lateinamerikanern. Diese glutäugige Sehnsucht, dieses Schwärmerische, die Schwüle, das ist nicht meins. Die Nordlichter mit ihrer meist direkteren und sachlicheren Sprache liegen mir deutlich mehr. Und dann bekam ausgerechnet ich diesen Bonsai-Roman in die Hände gespielt.

Ein Bonsai im eigentlichen Sinne ist ein kleiner Strauch oder Baum, der in sorgsam ausgesuchten Gefäßen kultiviert wird. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen – der Wuchs wird sorgfältig korrigiert, nach rein ästhetischen Kriterien in die als richtig erscheinende Richtung gelenkt, durchgeformt, auf seine Form und Wirkung reduziert. Wenn man diese Definition auf dieses Buch überträgt, dann hat der Autor ganze Arbeit geleistet. Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem der Titel so stringent Programm ist wie bei diesem hier, denn:

Eigentlich ist es egal, wie die beiden wirklich heißen. Oder hießen. Es ist auch egal, welches Jahr man wohl in den Kalender schreibt, wie man den Zeitraum definiert zwischen dem Zeitpunkt des Kennenlernens und Emilias Tod. Wichtig ist und bleibt, dass die beiden sich während des Studiums kennen- und während einer Prüfungsvorbereitung lieben gelernt haben. Nachdem sie zufällig miteinander schliefen. Sie belogen und vertrauten sich, kultivierten eine besondere Form des Liebesspiels, in dem sie sich zur Einstimmung Textpassagen aus verschiedenen literarischen Werken vorlasen. Später folgen Verstimmung und Verwirrung, Veränderung, Neuorientierung und immer wieder Sehnsucht; er bleibt in Chile, sie zieht nach Spanien. Menschen, die die beiden in diesen Abschnitten begleiteten, werden kurz angerissen – sofern es irgendeine Bedeutung für den Verlauf der Geschichte hat, um dann wieder zu verschwinden und irgendwann wieder aufzutauchen.

Handelt es sich bei diesem Werk formal tatsächlich um einen Roman? Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall lassen sich die 90 Seiten in einer Stunde zügig durchlesen, man fliegt förmlich durch den Text – und zurück bleibt man mit diesem seltsam diffusen Gefühl, das man kennt, wenn man aus einem Traum erwacht: jener Zwischenwelt, in der man sich an Sachverhalte nur noch schemenhaft erinnert, die Gefühle aber überaus präsent sind und einen noch stundenlang umklammern.

Wer Lust hat auf die kürzeste und längste, eine verknappte und doch ausführliche Liebesgeschichte, der merke sich die ISBN 978-3-518-42480-3, kaufe für 12,00 € beim Buchhändler seines Vertrauens diesen literarischen Bonsai und tauche ab in ein literarisches Sehnsuchtsabenteuer. Übersetzt wurde dieses kunstvoll zurechtgestutzte Literaturgewächs von Susanne Lange.

Alejandro Zambra, geboren 1975 in Santiago de Chile, gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren seiner Generation. Der promovierte Hispanist leitet den Studiengang Editionswissenschaft an der Universität Diego Portales in Santiago und arbeitet als Kritiker für namhafte Tageszeitungen, darunter das chilenische El Mercurio und das spanische El País. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte erscheinen in über zwanzig Ländern und erhielten zahlreiche nationale und internationale Preise. Sein Romandebüt Bonsai verhalf Zambra zum Durchbruch. Unter der Regie von Christian Jiménez wurde es für die Leinwand adaptiert und 2011 in Cannes uraufgeführt. Im Suhrkamp Verlag erschien zuletzt Die Erfindung der Kindheit (2012)

 

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