Daniela Gerlach – Was das Meer nicht will

Wie fühlt sich eine Frau Mitte vierzig, deren Ehe sich nach zwanzig gemeinsamen Jahren ein- bis abgeschliffen hat und sie sich nur noch in einer Art freundlicher Duldungsstarre befindet? Wenn ihr das Ehegespons mit seiner Fürsorge, seiner Vorsicht und Hang zur Kontrolle tierisch auf den Wecker geht und sie auf die latent lauernden Vorwürfe ihrer Mutter keinen Bock mehr hat?


Dieser Frage geht Daniela Gerlach in ihrem Roman „Was das Meer nicht will“ nach. Eine Frage, deren Beschreibung, Beantwortung und Umsetzung mich interessierte – schließlich hat das Thema viel Potenzial. Als mir das Buch zur Rezension angeboten wurde, sagte ich nach Ansicht des Klappentextes zu.

Besagter Klappentext verspricht ein „tiefgründiges Beziehungsdrama, ein beklemmendes Kammerspiel über die Verflechtung von Liebe, Eifersucht und Schuld“, eine „fatale Konstellation“ und am Ende „schließlich eskalieren die Spannungen“. Nicht schlecht, oder? Nur – von alledem habe ich nichts in diesem Buch finden können. Wirklich nicht. Gar nichts. Und ich habe mir redlich Mühe gegeben.

Das „tiefgründige Beziehungsdrama“ besteht aus dem klagenden Mantra einer vermutlich sehr gelangweilten Ehefrau, die in Ermangelung irgendwelcher halbwegs tagesfüllenden Tätigkeiten jedes Wort, jede Geste und jeden Blick ihres Mannes darauf abklopft, ob es nicht vielleicht doch dazu geeignet ist, ihr Selbstwertgefühl noch ein Stückchen weiter nach unten zu knüppeln. Ok, der Mann ist ein kleiner Kontrollfreak – auf mich wirkte aber seine etwas unbeholfen-fürsorgliche und in Ansätzen auch kontrollierende Art bei weitem nicht so dominierend wie ihr Hang zur Selbstzerfleischung und Hysterie.

Die „fatale Konstellation“ besteht dann aus „Mutti“ (zur Mitte des Buches stellten sich beim Lesen diesen Namens bei mir alle Nackenhaare auf), die einmal im Jahr zu zwei Wochen Urlaub ins südliche Appartement anrückt, ihre ganz eigene Vorstellung von glücklichen Ferien mit Töchterchen hat (und diese selbstverständlich auch erfüllt sehen will) – und dem etwas ungehobelten, ungepflegten und leicht versoffenen Nachbarn. Konstellationen, die wohl in unterschiedlicher Ausprägung jeder kennen dürfte, und zwar ohne sie erstmal als „fatal“ bezeichnen zu müssen.

Gibt es Bücher, bei denen Autor, Text und Leser einfach nicht zueinander passen? Eventuell. Bin ich zu kritisch, habe ich eine falsche oder zu hohe Erwartungshaltung? Keine Ahnung. Aber ich erwarte auf 279 Seiten etwas mehr als eine langweilige Klageschrift, in der die Protagonistin immer wieder betont, wie aufgerieben sie sich doch fühlt von all den Erwartungen, die durch Ehemann und Mutter an sie gestellt werden – und ohne dass sie (und damit auch mich) irgendwann einmal der Blitz der Erkenntnis trifft. Ich hätte gerne mehr über die Hintergründe erfahren: Warum empfindet die Protagonistin ihre Mutter als solche Belastung, wieso lässt sie sich so unter Druck setzen von einer Frau, die physisch nur zwei Wochen im Jahr und an Weihnachten anwesend ist – und psychisch doch ständig präsent?Warum grenzt sie sich ihrem Mann gegenüber nicht viel stärker ab, was in ihrer Vergangenheit hat dieses Muster verursacht? Als Leser muss ich nicht alles haarklein auf dem Servierteller kredenzt bekommen – aber ein klein wenig schlüssige Hinweise wären schon nett, gerade wenn man den Umfang des Buches bedenkt. Denn so ist der Roman weder Mileustudie noch Psychogramm.

Auch möchte ich nicht ständig über Sätze stolpern wie „Den nächsten Schluck Wein spürte ich durch meine Adern rinnen…“ (S. 131) – wenn das ginge, wir feierten ein anatomisches Wunder. Oder über unglückliche Formulierungen wie „Doch wenn ich auf die braune Haut sehe, die die zusammengebundenen Haare freilassen, sehne ich mich danach, sie zu berühren…“(S. 206).
Generell habe ich die Handlungen und Gedankengänge der Protagonistin, die übrigens namentlich nicht genannt wird, öfter schlichtweg nicht verstanden: weil mir schlüssige Informationen fehlen, weil manchmal einfach seltsam erzählt wird. Mir erschließt sich nicht, dass sie mit einem Kerl in die Kiste hüpft, obwohl er sie „ein bisschen abstößt“, weil er einen alkoholisierten Atem hat, sie dieser Atem stört, seine Wohnung muffig riecht, der Blick vom Alkohol trübe ist – und mit keinem Wort erwähnt wird, was sie denn dazu treibt, es doch zu tun. Nur der Hinweis, dass in seinen Augen „etwas Meer ist“ und seine Erregung auf sie übergreift? Das ist mir etwas arg spärlich. Einer Frau Mitte vierzig kann man ruhig ein wenig mehr Zündstoff bieten. Und nachdem die Nummer aufgrund seines Alkoholpegels noch nicht mal geklappt hat, würde ich das Ganze auch nicht so überbewerten, dass es unbedingt Ehe und Seelenheil in Gefahr bringen müsste. Vielleicht in einer Teenagerromanze – aber darum geht es hier ja nicht.

Ich erwarte von „eskalierenden Spannungen“ einen Spannungsbogen, der die ganze Geschichte durchzieht, oder zumindest einen großen Teil davon – und keine kleine Fährte, die zum Ende hin in einem kleinen Finälchen verpufft. Ganz typisch übrigens für die Protagonistin, dass sie dieses Finale nicht aktiv herbeiführt, sondern einfach halbherzig passieren lässt. Wie immer zaudernd und unfähig, eine Entscheidung herbeizuführen. Am Ende, man errät es, sitzt sie dann wieder da – und verharrt. Und hält aus. Und lebt irgendwie damit. Nicht mehr und nicht weniger.

Sollte dieser Besprechung ein gewisser ärgerlicher Unterton anhaften: Der ist weder gewollt noch beabsichtigt, war aber irgendwie logische Konsequenz und damit nicht zu vermeiden.

Daniela Gerlach, geboren 1962 in Dortmund, Studium der Neueren deutschen Literatur, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München. Arbeitete als freie Journalistin, Werbetexterin und Ghostwriter. Ging 1997 nach Spanien, um dort zu leben. Heute freie Autorin, die zwischen Mittelmeer und Ruhrgebiet pendelt.

Wer jetzt testen will, ob denn überhaupt alles so richtig ist, was ich da über „Was das Meer nicht will“ geschrieben habe oder ob man da vielleicht ganz anderer Meinung sein kann,  besorge sich dieses übrigens sehr schön und sehr aufwändig gestaltete Buch unter der ISBN 978-3-942-181-78-5 für 18,50 € beim Buchhändler seiner Wahl.

 

2 Kommentare

  1. Es handelt sich bei dem Roman um ein zugegebenermaßen in jeder Hinsicht ungewöhnliches Buch und die, wie ich meine, knisternde Spannung, die den Reiz des Buches ausmacht, spürt man entweder oder nicht. Insofern kann man wahrscheinlich nur begeistert oder halt enttäuscht sein.

  2. Marion Baldischwiler m.

    Ein tolles Buch. Tolle Gedankengänge. Ich habe mich -auch in der Beziehung g zu meiner Mutter- in dem Buch wiedergefundene. Es kam mir vieles sehr vertraut vor.
    M.Baldischwiler

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