Kategorie: Rezensionen

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41

Jean-Philippe Blondel 6 Uhr 41 HANSER

 

Wenn man eine längere Fahrt mit dem Zug vor sich hat, hofft man vielleicht auf etwas Ruhe, Zeit zum Lesen, zum Rausschauen und um die Gedanken fliegen lassen zu können. Was man meist nicht braucht, sind unangenehme Gerüche, Notbremsungen und Sitznachbarn, die einen ohne Luft zu holen zutexten oder einem zu nah auf den Pelz rücken.

Was man an einem frühen Montagmorgen als beruflich erfolgreiche, selbständige Mittvierzigerin nach einem absolut verkorksten Wochenende bei den langsam dem Altersstarrsinn verfallenden Eltern definitiv nicht braucht, ist ein Ex-Partner, der sich auf den einzig noch frei gebliebenen Platz im Abteil setzt – und sich dieser einzig freie Platz (natürlich!) direkt neben einem befindet. Ein Ex-Freund, mit dem man vor fast dreißig Jahren vier Monate lang liiert war, dem man nach dem finalen Wochenende in London allenfalls noch die Pest an den Hals wünschte und ihn in diesem Leben bitte schön nie mehr wiedersehen wollte. Weiterlesen

Yessica Yeti – Aus dem Bauch heraus

Yessica Yeti - Aus dem Bauch heraus

„Dies ist ein Buch über zwei Menschen, die ein Kind bekommen und keine Ahnung haben, wie das geht.“

Das ist ein Punkt, der uns vermutlich eint: beim ersten Kind wissen wir alle nicht, wie das wohl gehen soll. Und was tun wir dann, um uns zu informieren und die endlos lange Wartezeit zu überbrücken, bis dieses unser Wunderwerk endlich das Licht der Welt erblickt? Richtig – wir gehen in die Buchhandlung (zumindest die buchaffinen werdenden Eltern unter uns) und schauen uns nach passender Lektüre um. Weiterlesen

Dorian Steinhoff – Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern

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Wie, bitte,  soll man  eine einzige, zusammenfassende Rezension über eine Sammlung von sieben völlig unterschiedlichen Erzählungen verfassen, bei der jede Erzählung für sich genommen irgendwie besonders ist? Ich versuche es trotzdem:

Wir kennen sie alle, diese Situationen, die diesen gewissen einen Punkt markieren, an dem unser Leben eine andere Richtung einschlägt. Dass wir diesen Punkt oft erst im Nachhinein als solchen erkennen, macht die Sache dabei nicht einfacher. Weiterlesen

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung

Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung

 

„Du musst sofort kommen. Wir haben die Buchhandlung gekauft. Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft!“ (S. 17)

So klingt das bei Petra Hartlieb, wenn in einen neuen Lebensabschnitt gestartet wird. Denn:

„Wir haben eine Buchhandlung gekauft. In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, ein Betrag, den wir nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft. So etwas passiert dir nur bei eBay, wenn du dich hinreißen lässt und mehr bietest, als du eigentlich wolltest, weil sich das Kind das Harry-Potter-Lego so sehr wünscht und du dann diese eine Zahl hingeschrieben hast und keiner, verdammt noch mal keiner, findet sich, der mehr bietet. Und nun haben wir für eine Buchhandlung geboten, in einer Stadt, in der wir nicht leben, mit Geld, das wir nicht haben. Und haben sie bekommen. Und jetzt? Jetzt müssen wir das durchziehen.“ (S. 7) Weiterlesen

Marion Poschmann – Die Sonnenposition

Die Sonnenposition_Marion Poschmann

„Die Zeit existiert nicht. Wir stellen sie her, indem wir versuchen, uns zu erinnern. Indem wir einen Duft aufnehmen, einen Klang, eine vage Empfindung, und daraus eine Vergangenheit konstruieren, die stattgefunden haben könnte, stattgefunden hat, und jetzt nur mehr eine Atmosphäre ist, die uns durchdringt.“

Was für ein Geschwurbel! Das war mein erster Gedanke, nachdem ich die ersten Seiten von Marion Poschmanns „Sonnenposition“ gelesen hatte.  Ellenlange, seitenlange Ausführungen über Aussehen, Art und Beschaffenheit des alten Schlosses im Osten Deutschlands, das nach der Wende eine psychiatrische Anstalt beherbergt und in dem der Protagonist Altfried Janich als Psychiater angestellt ist. Weiterlesen

Christopher Morley – Das Haus der vergessenen Bücher

Dieser Herbst scheint ein richtiger Buchherbst zu werden: es erscheinen viele neue Bücher zum Thema „Bücher“ bzw. „Bücher und Buchhandlungen“. Anlass genug für mich, eine kleine, eigene Lesereihe zu starten – meine „Bücher über Bücher“. Den Anfang macht:

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„Wenn es Sie einmal nach Brooklyn verschlägt, einen Ort, der prachtvolle Sonnenuntergänge und den erhebenden Anblick von Kinderwagen bietet, die von Ehemännern geschoben werden, hoffe ich um Ihretwillen, dass der Zufall Sie auch in jene ruhige Nebenstraße führt, in der sich eine höchst bemerkenswerte Buchhandlung befindet“. (s. 7)

Diese bemerkenswerte Buchhandlung gehört Roger Mifflin, einem kleinen, glatzköpfigen Mann, der das Lesen und seine Leidenschaft für Bücher zum Beruf gemacht hat. Weiterlesen

Raija Siekkinen – Wie Liebe entsteht

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… ist das zweite Buch aus meiner Liste, um mir Finnland zu erlesen. Wieder von einer in Finnland sehr erfolgreichen Autorin, wieder ein Buch in erstmals deutscher Übersetzung.

Wer kennt sie nicht – diese eigenartigen Momente, in denen die Zeit verrinnt und gleichzeitig still steht; in denen der Nebel des Vergangenen sich kurz hebt und man gleichzeitig einen Blick auf das in Zukunft Mögliche hat; dieser Moment, in dem alles um einen herum eine ungewöhnliche Schärfe und bisher unbekannte Bedeutung bekommt. Weiterlesen

Ulla-Lena Lundberg – EIS

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In diesem Jahr ist Finnland das Gastland der Frankfurter Buchmesse – Anlass genug, gezielt die finnische Literatur näher ins Auge zu fassen. Den Anfang macht „Eis“ in meiner kleinen Auswahl und dieses Buch ist gleichzeitig auch das erste Werk Ulla-Lena Lundbergs, das ins Deutsche übersetzt und hier veröffentlich wurde.

Alle Zeichen stehen auf Neuanfang an einem sehr kalten, sehr frühen Morgen im Mai, im Schärengürtel zwischen Schweden und Finnland. Der neue Pastor Petter Kummel, seine Frau Mona und die gemeinsame Tochter Sanna werden von einem Empfangskomitee herzlich begrüßt, als sie am Steg der Pfarrinsel mit dem Boot anlegen. Weiterlesen

Véronique Olmi et moi

Es ist schon lange her, das erste Treffen zwischen Véronique Olmi und mir. Wir trafen uns 2003 am Meeresrand…

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…und es verlief völlig anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Auch anders, als der Klappentext versprochen hat. Dabei hat er noch nicht einmal gelogen, dieser Klappentext – oder mir etwas vorgegaukelt, was das Buch nicht halten konnte. Von daher kann ich ihm noch nicht einmal Vorhaltungen machen. Weiterlesen

Anne von Canal – Der Grund

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Untergang der Estonia am 29. September  1994:

„In der Schwärze der Nacht, in tosendem Sturm, reckte das weiß-blaue Schiff um 01.48 Uhr ein letztes Mal den Bug in die Luft und versank nach weniger als einer Stunde mit einem lauten Seufzer. Mit ihm verschwanden die Wünsche und Träume, die Sehnsüchte, Sorgen, Ängste und Pläne all jener, die an Bord geblieben waren.“ (Seite 11)

Ein Pianist, der in Venedig auf ein Kreuzfahrtschiff geht. Der lieber auf der Flucht ist und sich doch nichts sehnlicher wünscht als einen Hafen, in dem er zur Ruhe kommen kann. Er kann nicht schlafen, betäubt sich mit Whisky, sucht Trost bei fremden Frauen und führt Tagebuch, um sich selbst nicht vollends zu verlieren. Er ist präziser Beobachter am Klavier, sieht und versteht mehr als viel – aber verharrt in ständiger Distanz.

Laurits, ein klassischer Oberklassefuzzi, sitzt  vor dem Prüfungskomitee eines Konservatoriums, spielt um die dortige Aufnahme – und um sein Leben, denn für ihn gibt es nur diese eine Chance: schafft er die Aufnahme nicht, muss er Medizin studieren. Nur unter dieser Bedingung stimmte sein Vater überhaupt einer Teilnahme zu. Weiterlesen