Jürgen Bauer – Was wir fürchten

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„Du bist ja paranoid. Halt einfach den Mund und sei still.“

Das ist der Satz, der Georg in seiner Kindheit geprägt hat und der ihn auch durch sein ganzes späteres Leben begleiten wird. Aufgewachsen mit einem psychisch kranken Vater und einer Mutter, die sich aufreibt und auflöst beim Versuch, das Bild der intakten Familie aufrecht zu erhalten und gleichzeitig ohnmächtig zusieht, wie ihr zuerst der Mann und dann der Sohn in den (vermeintlichen?) Wahnsinn entgleiten.

Georg wuchs auf in dem Gefühl völliger Unsicherheit und diffuser Angst. So, wie andere Kinder Panini-Bildchen sammeln und in Alben kleben, studierte, ordnete und heftete er voller Akribie Sammelkarten medizinischer Krankheitsbilder. Seinen kranken Vater nahm er durchaus als gespaltenen Menschen wahr: als Menschen mit zwei Seiten, aber das war für ihn völlig normal. Er wusste mit jeder dieser Seiten umzugehen. Bis zu dem Tag, an dem auch er, Georg, keinen Zugang mehr zur abseitigen Welt seines Vaters finden konnte und damit auch sein Gefühl für die eigene Wertigkeit, seine Daseinsberechtigung, seinen eigenen Platz in der Welt, verlor.

„Was taugst du, wenn du nicht einmal das schaffst?“

Jürgen Bauer skizziert in „Was wir fürchten“ die Psyche eines Menschen, der es nie geschafft hat (oder dem nie die Möglichkeit geboten wurde), ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit entwickeln zu können, was es ihm auch als Erwachsenen nahezu unmöglich macht, ein „normales“ Leben zu führen. Selbst nach den unterschiedlichsten Behandlungen, denen er sich im Laufe der Jahre unterzieht, bedeutet seine größtmöglich zu erreichende Normalität, einen Teil von sich, den Teil nämlich, der ständig bohrende Fragen stellt und generell jeden Tatbestand auf tiefere, andere Bedeutungen hin absucht, unterdrücken, kontrollieren, still halten zu müssen. Und was passiert, wenn sich das Empfinden von Normalität nur ein kleines Stückchen verschiebt, und man auch als Leser nicht mehr unterscheiden kann, wo die Grenze zwischen Wahrheit, Normalität und Wahn verläuft…

„Ich habe früh jede Illusion darüber verloren, was normal ist. Normalität muss erarbeitet und dann kontrolliert werden.“

Das Interessante beim Schreiben von Rezensionen oder Besprechungen ist die nachträgliche Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Es gibt Bücher, bei denen formt sich bereits beim Lesen heraus, wie man das Buch später besprechen wird; man wird einfach mitgerissen und die Empfindungen, die man beim Lesen hatte, sind auch nach ein paar Tagen noch präsent und deckungsgleich mit den Erinnerungen, die dann bei der Arbeit am Text heraufbeschworen werden. Dann aber gibt es Romane, die man erst einmal nachwirken und reifen lassen muss. Deren Nachhall, deren Gewichtung sich verändert; auch nach Tagen, selbst noch beim Schreiben der Rezension. So ging es mir mit diesem Buch.

Ich fing an zu schreiben, dass der Autor es ausgesprochen ausführlich macht, dieses Skizzieren – viel zu ausführlich für meinen Geschmack, zu langatmig, diese kruden und immer wiederkehrenden, immer gleichen Gedankenspiralen.

Schrieb von den vielen Fragen, die für mich offen geblieben sind: Warum etwa die krankhaften, ständig wiederkehrenden Gedankenschleifen immer wieder so präzise wie möglich geschildert werden – aber klinische Beschreibungen gänzlich fehlen, obwohl er sich seit seiner Kindheit mit wahnhaftem Interesse sämtlich möglichen Krankheitsbildern gewidmet hat und ob es genau aus diesem Grund plausibel ist, dass ein 15-Jähriger das Wort „Paranoia“ zum ersten Mal hört?

Wollte erklären, dass ich an Sprache und Stil nichts, überhaupt nichts auszusetzen, dafür aber beim Lesen das Gefühl hatte, der Autor wolle es ganz besonders gut machen; hatte endlos an den Sätzen geschliffen und poliert, Ecken gerundet und nichts dem Zufall überlassen. Dass das vielleicht der Grund war, warum mir das gewisse Quentchen Authentizität fehlte, das mich richtig hätte mitfühlen, das mich die Verzweiflung hätte miterleben lassen. So blieben alle Charaktere seltsam flach, so blieb ich die ganze Zeit Beobachter auf Distanz und das, obwohl man durch geschickten Aufbau als Leser ganz direkt mit „Sie“ angesprochen, dadurch in die Geschichte mit einbezogen, eigentlich sogar Bestandteil davon wird.

Allerdings frage ich mich während des Verfassens dieses Textes, ob dies vielleicht doch alles Kalkül gewesen sein kann? Ob der Autor genau diesen Zweck verfolgte, um den Leser auf eine Stufe mit dem Protagonisten zu stellen – der zwar andere Menschen sieht, bewertet, mit ihnen lebt, aber nie wirklich zu ihnen durchdringen, der trotz aller Zuneigung eine gewisse Distanz einfach nicht unterschreiten kann? Eine weitere Frage, die wohl offen bleiben muss. Aber vielleicht erbarmt sich der Autor und will sie mir irgendwann beantworten.

Nicht verschweigen will ich, dass und warum ich den kompletten Roman in einem Rutsch durchgelesen habe: durch eine weitere Erzählebene, in dem Georg einem Unbekannten seine Geschichte in Rückblenden erzählt; einem Unbekannten, der von ihm für sein Zuhören bezahlt wird und von dem bis zum Schluss nicht ganz klar ist, ob und wenn ja, welche Rolle er in Georgs Leben spielt. Die Gespräche entwickeln sich zu einem Katz- und Maus-Spiel, bei dem man nicht genau weiß, wer die Fäden dazu in der Hand hält und in denen die Frage im Raum steht, was Wahrheit ausmacht.

Ach, und ich will ja keine Paranoia beschwören – aber man sollte diesen Autor vielleicht beobachten.

„Was wir fürchten“ ist frisch erschienen im österreichischen Septime-Verlag, trägt die ISBN: 978-3-902711-38-0 und kostet gebunden und mit Lesebändchen 21,90 € beim Buchhändler des Vertrauens.

Jürgen Bauer wurde 1981 geboren und lebt in Wien. Im Rahmen des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien, Amsterdam und Utrecht spezialisierte er sich auf Jüdisches Theater und veröffentlichte hierzu zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. 2008 erschien sein Buch No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky. Seine journalistischen Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Jürgen Bauer nahm mit seinen Theaterstücken zwei Mal am Programm »Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters« teil. Das Fenster zur Welt ist sein Debütroman.
2014 wurde ihm das Aufenthaltsstipendium für junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren des Literarischen Colloquiums Berlin zugesprochen.
2015 erschien sein zweiter Roman Was wir fürchten sowie eine Erzählung in der Anthologie übergrenzen.

 

3 Kommentare

  1. Das hört sich nicht uninteressant an. Aber es hört sich auch nicht so an – als müsse man dieses Buch nun unbedingt lesen. Bemerkenswert finde ich die Zweifel der Rezensentin. Offensichtlich hat auch sie Probleme damit dieses Buch punktgenau einzuordnen. Ein Buch also – über das man reden und diskutieren muss/sollte. Wieder eine Rezension die ich mehr als bemerkenswert finde. Gerade auch in der Literatur ist das Suchende – wie beurteile ich dieses Buch, was sagt und was gibt es mir – immer wieder unglaublich spannend. Und wieder einmal schafft es die Rezensentin mich sehr neugierig auf ein Buch zu machen – auch wenn ich trotzdem sicher weiterleben könnte wenn ich es denn nicht gelesen habe – aber besser wäre es wohl schon es zu lesen…….
    Dieser Blog wird nie langeweilig!

    • Lieber Jan,

      das hast du völlig richtig erkannt – und ich zweifle immer noch. Als Leser liest man ja immer auch mit seinen eigenen Erfahrungen, Interessen und Neigungen mit, interpretiert auch genau damit. Damit kann man richtig liegen, oder eben auch falsch, oder man interpretiert Dinge hinein, die gar nicht vom Autor beabsichtigt waren.

      Zeitweise hatte ich den Eindruck, der Autor würde sich selber nicht richtig trauen, hätte darum seinen Text so lange poliert, bis die Oberfläche glänzt, sich alles darin spiegelt und man den Untergrund, die Aussage dahinter, vor lauter Spiegelungen nicht mehr erkennt.
      Wenn es aber Kalkül war, wie ich in der Besprechung in Erwähnung ziehe – dann ist es verdammt gut gelungen.

      Das wäre ein Buch, bei dem mich sehr interessieren würde, wie andere es empfinden, auch du. Also, solltest du es lesen, lass uns darüber diskutieren!

      Herzliche Grüße

      Sonja

  2. Pingback: Leipziger Buchmesse 2015 | Pop-Polit

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