Helle Helle – Färseninsel

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„Ich suche einen guten Ort, um zu weinen. Einen solchen zu finden, ist gar nicht so leicht. Ich bin mehrere Stunden mit dem Bus gefahren, jetzt sitze ich auf einer wackeligen Bank draußen an der Küste.“

Da sitzt sie nun. Alleine, den Rest ihres alten Lebens im Rollenkoffer neben sich. Weil ein angekündigter Orkan aufzieht, wird ein junges Pärchen auf sie aufmerksam und die beiden nehmen Bente, wie die Unbekannte von ihnen nun genannt wird, kurzerhand bei sich auf. Aus der einen Nacht werden ein paar Tage, in denen Bente völlig selbstverständlich in den Alltag integriert wird – oder besser gesagt, wie völlig selbstverständlich Bente sich integrieren lässt.

Um solche Situationen heraufzubeschwören, bedarf es bei Helle Helle nicht mehr als zwei, drei knapper Sätze. Auf Matthias Borngrebes Blog fand ich ein Zitat Helle Helles, in dem sie ihren Schreibstil mit den Worten definiert: „Ich würde ihn als präzise bezeichnen. Ich möchte die Zeit meiner Leser nicht mit unnötigem Text verschwenden“. Und das ist Programm. Unnötig ist hier kein einziges Wort – ihr Stil ist nicht nur reduziert; er ist maximal minimalistisch, zusammengestrichen auf das Allernötigste; keinerlei Firlefanz, keine Ausschweifungen, keine Erklärungen. Bei den Gesprächen sind selbst Anführungszeichen noch zu viel – ein Bindestrich muss da reichen. Das verspricht keine sprachliche Eleganz und keine geschliffenen Satzbauwerke. Die lassen sich tatsächlich auch nicht finden. Lohnt es, das Buch dann trotzdem zu lesen? Ja, sogar unbedingt. Sonst bringt man sich um ein ganz besonderes, eigen- und einzigartiges Leseerlebnis.

Ich gebe zu – anfangs konnte ich mich mit diesen absolut minimalistisch zusammengezimmerten Sätzen nicht richtig anfreunden. Sie klangen in mir zu banal, zu einfach und wirkten dadurch sehr distanziert, hielten mich als Leser auf Abstand. Doch bereits nach wenigen Seiten änderte sich das. Ich begann zu ahnen, dass Helle Helle die eigentliche Geschichte vermutlich gar nicht erzählen will, sondern dass sie das Wesentliche und Wichtige , das Lebendige und Bedeutungsvolle genau da passieren lässt, wo die fehlenden Worte erst den Raum dafür schaffen: in den Lücken.

Wie nebensächlich wird Bentes Weg raus aus ihrer Schreibblockade (denn eigentlich ist sie Schriftstellerin)  und hinein in die Depression lediglich dadurch angedeutet, dass sie mit einem grauen Tuch das Fenster verhängt, ihre Liegeposition auf dem Sofa leidenschaftlich liebt und es innerhalb weniger Tage geschafft hat, ihre Wohnung völlig vermüllen zu lassen. Es folgen lapidare Beschreibungen, mit welchen Mitteln ihr Mann den Anschein von Normalität zu wahren versucht und schließlich einen befreundeten Schulpsychologen bittet, seiner Frau einen Besuch abzustatten in der Hoffnung, dass er vielleicht einen Zugang zu ihr findet. Das schafft er offensichtlich – allerdings anders als geplant, wie sich aus ein paar wenig eingestreuten Hinweisen deuten lässt. Durch reflexive Sequenzen wird langsam erkennbar, was in Bentes Innern vorging, was sie alles registrierte, ohne darauf zu reagieren und was sie letztendlich dazu brachte, ihre Sachen zu packen und in den nächstbesten Bus zu steigen. Genauso häppchenweise erklärt sich auch die ungewöhnliche, sehr unkonventionelle Art ihrer Gastgeber – und auch hier bekommen scheinbar kleine Gesten und Nebensächlichkeiten im Nachhinein eine völlig andere, gewichtigere Bedeutung.

Es geht um Stillstand und Weiterkommen, um ohnmächtiges Verharren und dem Wunsch nach Neubeginn; um Vergangenheit, die man eigentlich hinter sich lassen will, aber Teile von ihr immer mit sich ziehen wird.

Die 224 Seiten der „Färseninsel“ wurden aus dem Dänischen übersetzt von Flora Fink, lassen sich inclusive Lesebändchen in gebundener Form unter der ISBN 9783038200147 beim Buchhändler vor Ort bestellen und kosten dann 19,90 €.

Helle Helle, geboren 1965, debütierte 1993 mit Eksempel på liv (Beispiele von Leben). Es folgten u. a. die Romane Die Vorstellung von einem unkomplizierten Leben mit einem Mann (2002, dt. 2012), Rødby – Puttgarden (2005; dt: 2010), Dette burde skrives i nutid (2011) und zuletzt Hvis det er (2014). Für ihre literarischen Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Helle Helle lebt mit ihrer Familie in Lynge bei Sorø. Helle Helle gilt als eine der coolsten dänischen Autorinnen, in ihrem Heimatland sind ihre Bücher Bestseller. Weitere Informationen zu Helle Helle auf www.hellehelle.net

7 Kommentare

  1. Das Buch hört sich echt außergewöhnlich an. Nicht uninteressant, aber leider liebe ich lange, verschachtelte Sätze. Das ist schon eine Kunst, mit wenig viel zu sagen. „Der Garten über dem Meer“ geht einen ähnlichen Weg, aber so richtig überzeugen konnte mich ein solcher Schreibstil nicht.

    Liebe Grüße und Danke für die Rezension
    Tobi

    • Ich habe ja auch eher ein Faible für geschliffene Buchstabenbauwerke – darum war es für mich auch wirklich faszinierend zu sehen, wie ein Text ohne das funktionieren kann.

      Herzliche Grüße

      Sonja

  2. Kirsten W.

    Was ich spannend finde, wenn es gelingt, den Charakteren in einer Geschichte ihre eigene Sprache zu geben, kurzum: wenn es dem Autor/der Autorin gelingt, sich den Erfordernissen ihrer Figuren und dem Plot anzupassen – also sich ggf. auch völlig zurückzunehmen. Das scheint hier gelungen. Ich bin neugierig geworden, schon allein deswegen, weil mir die Bauweise hier der Schilderung nach so vorkommt, als sei der Roman eigentlich eine Kurzgeschichte. Da liegt die Kunst auch in der Beschränkung auf das Wesentliche und die Erkenntnis oft zwischen den Zeilen. Danke für den Lesetipp.

    • Mmmm…
      Nein, insgesamt ist für eine Kurzgeschichte die Handlung doch zu umfassend, der zeitliche Rahmen (durch die Reflexionen und Erklärungen) zu lang. Die Beschränkung der Worte ist hier nicht nur auf das Wesentliche, sondern auf das Notwendigste beschränkt, würde ich sogar kühn behaupten.

      Solltest du es lesen, wünsche ich viel Vergnügen und würde mich freuen, wenn du dein Leseerlebnis mit mir teilen würdest. Es ist immer so spannend, das zu vergleichen.

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  4. Kirsten W.

    Wenn man nur mehr Zeit hätte … Ich habe sie mir einfach genommen. Gerade habe ich die Lektüre von „Färseninsel“ beendet. Was soll ich sagen? Eine Überraschung? Eine angenehme? Um es vorweg zu nehmen: Und ob! Ich hatte nach den ersten 2 1/2 Seiten den Eindruck, es mit einer Protagonistin zu tun zu haben, die aus dem Rahmen gefallen ist und den Sturz nicht in der Lage ist, mit Worten zu beschreiben. Sie ist verloren in Sprachlosigkeit, die erst in Orientierungs-, dann in Regungslosigkeit übergegangen ist. Ein Orkan im nahenden Winter ist im Anzug, aber sie bleibt an der Bushaltestelle, an der sie gestrandet ist, einfach sitzen. Das ist das Setting, dem Helle Helle ihre namenlose Hauptfigur aussetzt. Der Leser erfährt im Laufe der Geschichte nur, dass sie Schriftstellerin ist, die in tiefes Schweigen verfallen ist. Ideen fesseln sie nicht mehr. Ihre Ehe fesselt sie nicht mehr, obwohl – oder vielleicht weil – ihr Mann ein Versteher ist. Kurzum: Ihr Leben fesselt sie nicht mehr. Sie verhängt ihr Fenster des ehelichen Hauses mit einer Wolldecke, friert auf dem Sofa zu einem Stillleben ein, bis der Schulpsychologe, den ihr Mann „angeheuert“ hat, eine Affäre mit ihr beginnt. Sie blüht kurz auf, aber es ist ein Strohfeuer, das er entfacht wird. „Bente“, wie das junge Paar sie – ohne sie jemals nach ihrem Namen, dem Warum und Wieso zu fragen – nennen wird, lässt sich an der Haltestelle von Putte und John „aufpicken“. Sie folgt den beiden, fügt sich in die Ordnung, die das raue Landleben an der Küste, schon gleich gar mit Orkanstärke, vorbläst. Und sie bleibt. Notwendigkeiten geben den Takt vor. Jeder muss unter dem Diktat der Jahreszeiten und ihren Herausforderungen funktionieren. Bente tut das. Auch und gerade, als John einen Unfall erleidet, im Krankenhaus liegt und Putte bei ihm verweilt. Sich selbst überlassen, erfüllt sie punktum alle Aufgaben der beiden. Sie kümmert sich, wird zum Rädchen im Getriebe. Und der Leser staunt! Denn Bentes Wahrnehmung ändert sich. Ihre Sprache ändert sich. Die holzschnittartige Protagonistin erwacht wieder zum Leben. Sie riecht, sie schmeckt, sie nimmt wieder wahr, nämlich die Welt um sich herum. Das ist die große Kunst von Helle Helle. Man ahnt zwar, dass Bente weiß, dass diese neue Welt um sie herum möglicherweise nur eine Zwischenstation, ein Vehikel ist, um ihre alte Welt zu begreifen und wieder in sie hineinzuschlüpfen, aber es bleibt offen. Wie so vieles in diesem vielschichtigen, gut erzählten Roman, der für mich eine der besten langen Kurzgeschichten ist, die ich je gelesen habe. Ich habe einen Mordsrespekt vor Helle Helle, ihrem Einfühlungsvermögen, ihrer Gabe, mit wenigen Worten präzise beschreiben zu können, und deswegen liegt ihr Roman „Haus und Heim“ als nächste Lektüre auf meinem Nachttisch. Und ich werde wieder keinen Schlaf finden. Das wusste ich schon nach der Hälfte von Färeninsel, dass ich mehr lesen möchte. Und wieder ist da eigentlich zu wenig Zeit. Eigentlich.

    Tja, das war es, was ich noch schnell loswerden wollte.

    Beste Grüße & großen Dank für die Entdeckung!

    • Was für ein schöner, später, ausführlicher Kommentar!

      Darüber freue ich mich – aber noch mehr, dass dir das Buch genau so gut wie mir gefallen hat.

      Herzliche Grüße und weiterhin viel Leselust (und Zeit)

      Sonja

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