Blogbuster 2017 – Mein Favorit: Kai Wieland mit „Ameehrikah“

Anfangs hätte ich nicht gedacht, dass es so schwer sein könnte, sich für einen Favoriten entscheiden zu müssen – hatte ich doch zwei richtig gute Manuskripte, die um den Platz in diesem Beitrag konkurrierten. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, und jetzt ist er hier: Der eine Titel, der übrig blieb von den 26 eingesandten Leseproben, den anschließend angeforderten Manuskripten und mit dem ich in den Pitch gehen werde um den Blogbusterpreis 2017. Einer der beiden Titel, die mich bereits bei der Leseprobe, beim ersten Überfliegen, sehr neugierig auf mehr gemacht haben und der Titel, der sich da bereits frech festgehakt hatte.

„Welchem Zweck dient die Erinnerung? Welchen Wert haben Erinnerungen aus zweiter Hand? Warum hängen wir so an ihnen, auch an jenen unserer Mitmenschen und Vorfahren, während uns die faktische Geschichte so zuwider ist?“

Diese Fragen umtrieben Kai Wieland beim Schreiben seines Roman-Debüts – und zur Beantwortung dieser Fragen schickt er seinen Chronisten in ein Kaff im Schwäbischen Wald, dort, wo man „Ameehrikah“ schwäbelt, wenn man Amerika meint.

Die Aufgabe eines Chronisten hört sich zumindest für mich relativ langweilig an und ist es vielleicht auch, tut aber in diesem Fall nichts zur Sache, weil er hier eh nur eine Randfigur ist. Hauptdarsteller sind die Dörfler. Mit all den Eigenarten, die sich den Menschen anheften, wenn sie über Jahre und Generationen hinweg nie aus einem Dorf mit seinen gewachsenen Strukturen und Verflechtungen herausgekommen sind.

„Die Bewohner von Rillingsbach waren es immer selbst, die einander das Leben füllten. Für die meisten ist das Dorf alles, was sie je gekannt haben, und wenn man Martha fragt, so waren sie alle gute Menschen, egal, was passiert ist. Das heißt allerdings nicht, dass man die anderen Geschichten nicht zu hören bekommt. Es heißt nur, dass man anders nach ihnen fragen muss.“

Mit diesen anderen Fragen rollt Kai Wieland die vielfach ineinander verzahnten Lebensgeschichten der Menschen auf, lässt sie erzählen von Wünschen, die sich nicht erfüllten, von Lebensentwürfen, die den Umständen geopfert werden mussten und vom Krieg, der für fast jeden ein eigenes Trauma bereit hielt, das die Menschen mindestens prägte, meistens veränderte und oft auch einfach zerstörte.

Erzählt wird in einer ruhigen, etwas antiquierten Sprache, die ich aber nicht störend empfand, eher als ausgleichendes Kontinuum zwischen den ständig wechselnden Zeit- und Personenebenen.

Seine stärksten Momente hat dieser Roman aber in den Passagen, in denen der Autor intensive Bilder von Szenarien heraufbeschwört, ohne sich dabei in ausschweifenden Details zu verlieren. Wenn er Stimmungen verdichtet, um sie am Ende mit einer überraschenden Pointe oder der ihm eigenen Art von Humor aufzulösen: Es braucht keine exzessiven Schilderungen von Gewalt oder Willkür, um die lähmende Angst förmlich riechen zu können, wenn alle noch lebenden Männer im Dorf durch die amerikanischen Besatzer auf dem Schulhof zusammengetrieben werden. Man ahnt, was folgen wird, wenn eine Nachbarin leise in Haus nebenan huscht, um die zurückgelassenen und verstörten Kinder in ihre Obhut zu nehmen. Und ist dann doch recht erleichtert, wenn Ziel der ganzen Übung war, den Maibaum von den Männern errichten zu lassen, um die amerikanische Flagge hissen zu können.

Überhaupt lebt die ganze Geschichte durch das Spiel mit Gegensätzen, etwa wenn der grobe Kopfschlächter, dieses Zentrum aufgestauter brutaler Gewalt alleine auf das unschuldige, kleine Mädchen mit den Zöpfen trifft. Oder wenn der Versuch, sich aus dem engen Korsett aus Muff und Zwang zu befreien, für den Hippie-Teenager direkt und ohne Umwege in nächste Abhängigkeiten führt.

All das zusammen macht 156 Seiten, die ich gerne gelesen habe, die mich manchmal überrascht haben, manchmal nachdenklich gemacht, aber auch zum Schmunzeln gebracht haben.

Das ist viel, finde ich. Und für ein frisches, noch unlektoriertes Debüt sowieso.

Kai Wieland wurde am 18. Juni 1989 in Backnang geboren. Nach dem Abitur
absolvierte er eine Ausbildung zum Medienkaufmann, studierte anschließend
Buchwissenschaften an der LMU in München und arbeitet seit 2016 für ein
Verlagsbüro in Stuttgart. Mit seinen schriftstellerischen Ambitionen ist er bisher eher subtil umgegangen und „Ameehrikah“ sein erstes längeres Werk, mit dem er überhaupt an die Öffentlichkeit geht.

7 Kommentare

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