Was macht eigentlich… eine Übersetzerin? Im Gespräch mit Gabriele Haefs

In der Reihe „Was macht eigentlich…” stelle ich in unregelmäßigen Abständen Menschen vor, die mit ihrem Können, ihrem Wissen und ihrer Leidenschaft den Büchern auf und in die Welt helfen. Also Menschen, die Bücher schreiben oder Texte lektorieren; die übersetzen, drucken, verlegen, bebildern, sich um die Pressearbeit kümmern; die Bücher vertreiben, verkaufen oder über das alles schreiben. Heute mit Gabriele Haefs, die schon viele Bücher aus dem skandinavischen Sprachraum ins Deutsche übersetzt hat.
taz2-Gabriele_Haefs©Miguel Ferraz

Sie studierten Sprachwissenschaften, Keltologie und Nordistik, promovierten in Volkskunde und sind zum Übersetzen eher zufällig gekommen. Empfinden Sie das im Nachhinein als glückliche Fügung oder einfach als logische Konsequenz damaliger Umstände?

Ja und nein. Ich hätte ja gern eher wissenschaftlich gearbeitet, geforscht und so, aber es gab ja nun mal keine Stellen – und natürlich war es eine glückliche Fügung, dass ich mich durch Übersetzen ernähren konnte. Aber es juckt mir immer noch manchmal in den Fingern, an einem längeren Projekt zu arbeiten, eine Monographie über den Heiligen Cucuphatus oder so. Was nicht heißen soll, dass das Übersetzen nicht auch Spaß macht.

Sie gehören durch Ihre Tätigkeit zu einem Personenkreis, der maßgeblich am Erfolg eines Buches beteiligt ist. Leider wird die Arbeit des Übersetzens in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen bzw. wird der Fokus kaum darauf gelenkt. Ist das eher deprimierend – oder immer wieder ein großes Ärgernis?

Beides, je nachdem – obwohl ich glaube, dass die Übersetzenden viel mehr wahrgenommen werden, als sich viele das so vorstellen. Das sehe ich jedenfalls immer wieder bei Lesungen mit übersetzten AutorInnen: Die Leute im Publikum haben endlose Mengen von Fragen zum Übersetzungsvorgang; sie kommen ja auch, um sich einzelne Übersetzerinnen oder Übersetzer anzuhören.
Es kommt immer wieder Post von Leuten, die eine Übersetzung gelesen haben und irgendwas wissen wollen, und die Leute, die Veranstaltungen mit übersetzter Literatur besuchen, haben oft klare Vorlieben – „wenn ich sehe, dass XY ein Buch übersetzt hat, weiß ich, das kann ich kaufen“ und Abneigungen – „wenn YZ ein Buch übersetzt hat, lass ich lieber die Finger davon“.

Die im Feuilleton bisweilen vertretene Ansicht, dass es das Publikum nicht interessiert hat, wer ein Buch übersetzt, entspricht also offenbar der sehr eingeengten Sicht der Personen, die eben nicht so richtig wissen, was sich in freier Wildbahn so abspielt.

Nervig ist diese nassforsche Art, die neuerdings häufiger zu beobachten ist: Wird jemand, z. B. ein Rezensent, darauf aufmerksam gemacht, dass bei einem übersetzten Titel nicht erwähnt worden ist, wer es übersetzt hat, heißt es so ungefähr: „Na und, interessiert doch keinen Menschen.“ Es gibt allerdings auch die, die einfach sagen: „Huch, pardon, blödes Versehen“, aber von den nassforschen Schnöseln gibt es derzeit gar zu viele.

Und was würden Sie sich zu diesem Thema vom Leser/Blogger/Feuilleton wünschen?

Gar nicht viel – einfach, dass immer, wenn jemand ein übersetztes Buch rezensiert, vorstellt oder erwähnt, dazu geschrieben wird: „übersetzt von“.

Wie kommen Sie zu ihren Büchern : Werden sie von Ihnen entdeckt und Sie schlagen den Verlagen diese dann vor – oder treten die Verlage mit vorgesehenen Werken an Sie heran?

Beides. Dazu muss man vielleicht wissen, dass es in den ersten Jahren so war, dass ich alles vorgeschlagen habe. Es wurde damals so gut wie nichts aus skandinavischen Sprachen übersetzt. Die Verlage waren sehr skeptisch, hatten aber auch keine eigenen Kontakte. Es passierte dann, dass Verlage an mich herangetreten sind und gefragt haben, ob ich ihnen nicht einen passenden Titel suchen könnte.

Inzwischen ist ja wahnsinnig viel passiert, und was sage ich, wenn etwas sozusagen von selbst geht? Für die Krimiautorin Anne Holt habe ich damals einen Verlag gesucht, als ihr erstes Buch in Norwegen erschienen war. Kann ich aber nach so vielen Büchern noch behaupten, dass ich sie „vorschlage“? Weiß nicht. Natürlich mache ich noch Vorschläge, aber längst nicht mehr so viele wie früher; vieles kommt jetzt von den Verlagen. Aber in den meisten Fällen lesen wir (Übersetzerinnen) Bücher bzw. Manuskripte, bevor sie überhaupt eingekauft werden: Also ein Verlag bestellt ein Gutachten zu einem Titel, in dem dann der Inhalt angegeben wird, Schwächen/Stärken des Titels, passt es zu diesem Verlag, warum soll er den Titel unbedingt einkaufen/unbedingt die Finger davon lassen. Es ist eigentlich immer ein ziemliches Hin und Her mit vielen Zwischenstufen und unterschiedlichen Möglichkeiten, wie Buch, Verlag und Übersetzerin zusammenkommen.

Wie sieht der typische Arbeitstag einer Übersetzerin aus? Arbeitet man stundenlang an einem Text, übersetzt kapitelweise Satz für Satz und feilt später an den Formulierungen? Oder liest man Teile der Kapitel und versucht, so nah wie möglich am Original, den Text nachzubilden?

Den „typischen Arbeitstag einer Übersetzerin“ gibt es nicht, glaube ich. Wir sind alle total verschieden und jede (und jeder) hat eigene Methoden und Herangehensweisen an einen Text. Und die Herangehensweise ändert sich auch immer wieder: Was für den einen Text sinnvoll ist, kann für den anderen ganz falsch sein.

Ich mache es in der Regel so, dass ich das Buch lese und wieder lese und eigentlich vollsaue mit allem, was mir einfällt – und irgendwann das Gefühl habe, dass ich die Stimmung des Buches verstanden habe. Das ist der günstige Fall. Der ungünstige ist, dass ich schon glaube, dass mir noch Zwischentöne fehlen, aber der Abgabetermin dräut und ich muss schreiben. Dann schreibe ich die Übersetzung, die Probleme habe ich ja hoffentlich inzwischen geklärt, und wenn ich fertig bin, feile ich daran herum, bis ich denke, so kann es gehen. Und bis ich es hergeben muss.

Das soll jetzt nicht nach Gejammer klingen, die Abgabetermine sind ungeheuer nützlich. Aber es ist zu verlockend, so lange herumzufeilen, bis man alles Leben herausgefeilt hat und ein perfektes, lebloses Stück Text geschaffen hat – und es womöglich nicht mal mehr merkt, die Sache mit dem Wald und den Bäumen: Wenn man zu tief und zu lange drinsteckt, sieht man die kleinen Details nicht mehr, die der Sache Leben geben (den „dämonischen Stich“, um einen alten Schlager zu zitieren).

Wie muss ich mir den Ablauf vorstellen: Agieren Sie als Übersetzerin selbständig oder sprechen Sie sich mit dem Autor ab?

Die Frage verstehe ich nicht so ganz. Eigentlich kann ich mit dem Autor ja nicht viel absprechen. In den meisten Fällen können Autoren oder Autorinnen viel zu wenig Deutsch, um irgendetwas absprechen zu können. Aber ich habe oft Fragen, klar, „wie ist das hier gemeint?“, oder “ kann das hier ein Druckfehler sein oder verstehe ich alles falsch?“. Oder, wenn ein Wort zwei Bedeutungen hat, ich aber nur eine in die Übersetzung retten kann, weil es auf Deutsch nichts Entsprechendes gibt, kann ich das Problem erklären und fragen, welche ich nehmen sollte.

Die meisten Fragen drehen sich aber um ganz profane Sachen: Wenn z.B. der Held ins Restaurant geht und sich einen Kaffee bestellt und zwei Seiten weiter wird der Tee serviert – und ich weiß, für den Autor liegen oft Wochen zwischen den beiden Szenen, er hat längst vergessen, was er seinen Helden bestellen lässt, für uns beim Lesen aber nur Minuten, und da fällt das auf – also, trinkt der Held dann in der Übersetzung Kaffee oder Tee? Oder hat er Kaffee bestellt, kriegt aber Tee serviert – aber warum beklagt er sich dann nicht?

Hand aufs Herz: Ihnen gefällt eine Formulierung im Original so überhaupt nicht. Wie viel Spielraum haben Sie?

Unterschiedlich. Also, das ist ganz wichtig: Es gibt eigentlich nichts, was für immer und jeden Fall gilt. Allein die eigentlich simple Frage: „Wie übersetzen Sie das Wort x?“ ist unsinnig, weil ich das Wort x je nach Kontext immer wieder anders übersetzen muss. Das ist jetzt blöd, ich wünschte, mir fiele ein Beispiel ein für eine Formulierung, die mir gar nicht gefallen hat und wo ich viel ändern konnte – oder auch gar nichts. Tut es aber nicht. Das hier ist jetzt kein Beispiel für eine Formulierung, die mir „nicht gefiel“, sondern für einen falschen Sachverhalt: In einem Roman stand der Kölner Dom auf dem falschen Rheinufer! Das ist zweifellos in Norwegen niemandem aufgefallen, hier wäre das sicher etwas anderes gewesen – und selbst wenn nicht, mich als Rheinländerin traf das natürlich mitten ins Herz. Es war aber so, dass die Personen im Buch von Osten kamen, zum Rhein kamen, den Dom bewunderten und dann einen Fährmann fanden und übersetzten – da war es einfach, zwei Sätze umzutauschen. Nun suchten sie erst den Fährmann, wurden übergesetzt und standen dann vor dem Dom. Was ich getan hätte, wenn die Handlung dadurch gestört worden wäre, weiß ich nicht – blöd, dass mir kein dramatischeres Beispiel einfällt!

Was übersetzen Sie am liebsten? Gibt es bevorzugte Genres, Sprachen oder Altersgruppen?

Eigentlich nicht. Ich habe gern Texte mit Wortspielen, erfundenen Wörtern, Slang, oder historische Romane, wo die Leute einander Ihrzen und Wörter benutzen wie Krapüle und Feldscher und Hirschfänger und Felleisen. Einmal einen Romanhelden zu haben, der zu seinem Widersacher sagt: „Mein Herr, Ihr seid ein Hundsfott“, das wär’s!

Allerdings freue ich mich immer besonders, wenn es etwas Gälisches zu übersetzen gibt – so eine schöne, bildreiche Sprache, die hierzulande kaum wahrgenommen wird. Ich habe im vorigen Jahre für eine kleine Sammlung mit Geschichten über irische Musik („Chinesische Transvestiten“, Songdog Verlag, Wien) eine Erzählung von Pádraig Pearse übersetzt, das war einer der Anführer des irischen Osteraufstandes 1916, und seit 1922 war nichts mehr von ihm ins Deutsche übersetzt worden. Sowas ist einfach etwas ganz Besonderes!

Was bedeutet Literatur für Sie persönlich? Neben der Tatsache, dass Sie Ihren Lebensunterhalt damit bestreiten?

Bin nicht sicher, unendlich viel: Reisen im Kopf, Fortbildung, Horizonterweiterung, Unterhaltung – eine Menge Ärgernis, weil es so furchtbar viele schlampig gemachte, sprachlich entsetzliche und schlecht recherchierte Bücher gibt; jedenfalls etwas, was mich dauernd beschäftigt. Aber da ich damit eben meinen Lebensunterhalt verdiene, kann ich das nicht so richtig trennen.

Die Entwicklung des Buchmarktes in Richtung „digital“ – Fluch oder Segen?

Weiß nicht. Eigentlich denke ich, Erweiterung der Möglichkeiten müsste doch ein Segen sein? Bin aber nicht sicher, ich glaube, das ist noch zu früh. Oder vielleicht hab ich auch einfach zu wenig Ahnung und sollte mich dieser Ahnungslosigkeit schämen.

Welches Buch lesen Sie gerade (rein aus Vergnügen)?

„A Clash of Kings“ (also den zweiten Band der Game of Thrones-Serie) – und es gibt ja noch vier weitere, und wenn ich durch bin, geht es hoffentlich weiter.

Wo ist Ihr Lieblingsleseplatz?

Sofa, ganz klar. Oder im Café, wo ich dann ab und zu aus dem Fenster schauen kann; sehen, was sich so in der Welt abspielt.

Was wäre ein Herzensprojekt?

Ach!!! Vieles! Nur mal ein Beispiel:
Die norwegische Nobelpreisträgerin Sigrid Undset müsste endlich neu entdeckt werden: Ich durfte vor einigen Jahren ihren allerersten Roman, „Frau Marta Oulie“, übersetzen, der nie übersetzt worden war – da würde ich zu gern mehr machen. Zumal die Bücher, die irgendwann übersetzt worden sind, teilweise ganz schrecklich schlecht gemacht sind, also voller Fehler und vor allem in einer künstlich altertümlichen Sprache, die ihr ganz fremd war. Beispiel: Undset schreibt vom Neffen, die Übersetzung macht daraus einen Schwestersohn, und so entsteht ein schwülstiger Stil, der mit ihrer kühlen, lakonischen und eigentlich sehr modernen Sprache nichts mehr gemein hat.

Überhaupt, mehr ältere Autorinnen neu oder erstmals zu übersetzen, das wäre schön. Aber gerade ist der Roman „Frauen“ von Anna Munch erschienen; die alte Übersetzung von 1897 war einfach ein Graus – da waren sogar die Straßennamen übersetzt, aber allesamt falsch. Es ist erstaunlich, wieviel um 1900 übersetzt worden ist, gerade auch Autorinnen. Aber viele sind und danach nie wieder aufgelegt worden und heute total vergessen, wie eben Anna Munch: Sie hatte eine komplizierte Beziehung zu Knut Hamsun und taucht in mehreren seiner Bücher auf – und sie war eben zu ihrer Zeit eine wichtige Autorin. Aber heute ist in Deutschland nur noch ihr Vetter Edvard Munch bekannt – absurd, finden Sie nicht?

 

Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav- Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, zuletzt 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie hat u.a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt übersetzt. Zusammen mit Dagmar Mißfeldt und Christel Hildebrandt hat sie schon mehrere Anthologien skandinavischer Schriftsteller herausgegeben. (Quelle: RandomHouse)

 

7 Kommentare

  1. Ein feines Gespräch!
    Und ich bin nun doppelt froh, daß ich bei meinen Rezensionen IMMER die Übersetzer namentlich nenne. Ich halte dies für eine selbstverständliche Würdigung, und ich bin erstaunt, daß es Buchbesprecher gibt, die kein Empfinden für die ÜBERSETZUNGSLEISTUNG haben.
    Gutenachtgruß
    Ulrike von Leselebenszeichen

    • Danke! Ich habe mich auf und über dieses Gespräch auch sehr gefreut!

      Naja – um eine Übersetzungsleistung zu bewerten, müsste man ja beide Bücher lesen, das Original und die übersetzte Fassung. Das dürften aber die wenigsten machen (und wollen). Aber den Übersetzer zu nennen sollte ja irgendwie zum Komplett-Paket gehören.

  2. Das sollte man vielleicht auch noch erwähnen: zu ihren Leidenschaften gehören außerdem irische Musik, Reisen, Postkarten schreiben und Zahnarztbesuche.

  3. Gabriele Haefs

    Bernhard, du schmeichelst mir, aber dermaßen aparte Leidenschaften hab ich nicht, Zahnarztbesuche geschehen nur der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe!

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