Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung

Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung

 

„Du musst sofort kommen. Wir haben die Buchhandlung gekauft. Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft!“ (S. 17)

So klingt das bei Petra Hartlieb, wenn in einen neuen Lebensabschnitt gestartet wird. Denn:

„Wir haben eine Buchhandlung gekauft. In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, ein Betrag, den wir nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft. So etwas passiert dir nur bei eBay, wenn du dich hinreißen lässt und mehr bietest, als du eigentlich wolltest, weil sich das Kind das Harry-Potter-Lego so sehr wünscht und du dann diese eine Zahl hingeschrieben hast und keiner, verdammt noch mal keiner, findet sich, der mehr bietet. Und nun haben wir für eine Buchhandlung geboten, in einer Stadt, in der wir nicht leben, mit Geld, das wir nicht haben. Und haben sie bekommen. Und jetzt? Jetzt müssen wir das durchziehen.“ (S. 7)

Und sie ziehen das durch. Es sind ja nur ein paar Kleinigkeiten, die bedacht werden müssen. Zum Beispiel, dass man nicht in Wien wohnt, sondern etwas außerhalb. Genaugenommen in Hamburg. Oder dass erst die Tätigkeit als Literaturkritikerin bzw. ein gut bezahlter Job im Verlagswesen aufgegeben werden muss, genauso wie der begehrte Platz in einer Kita für die Jüngste. Die erquickende Diskussion mit dem sechszehnjährigen Sohn braucht nicht weiter erwähnt zu werden.

Begonnen hatte alles bei einem Abendessen mit Freunden in Wien. Irgendwann kam das Thema auf die kleine Buchhandlung, die in der Nähe, gute Lage übrigens, plötzlich geschlossen wurde.  Ehepaar Hartlieb vereinbarte einen Besichtigungstermin, unverbindlich und natürlich nur mal so zum Gucken.  Sie, die Buchhandlung, war klein, dreckig, eng und hässlich. Eigentlich. „Aber irgendwie… fühlt es sich auch gut an“.

Was dann folgt, ist mit gesundem Menschenverstand vermutlich nicht nachzuvollziehen.  Höchstens mit Leidenschaft. Und an dieser fehlt es Petra Hartlieb ganz offensichtlich nicht – darf es auch nicht, sonst hätten sie, ihr Mann und ihre Familie diesen Höllenritt niemals überlebt: den überstürzten Umzug, provisorische Schlafstätten auf fremdem Ausklappsofas, Ochsentour für die Finanzierung, ungeregelte Mahlzeiten, Renovierung und Einrichtung des Buchladens in Rekordzeit einschließlich Rekrutierung  bis dahin fremder Personen, gerne auch technisch versiert. Es ist unglaublich, aber sie schaffen es: pünktlich zum 4. November, rechtzeitig zu Beginn des für den Buchhandels so wichtigen Weihnachtsgeschäfts, eröffnet „Hartliebs Bücher“.

Genau so leidenschaftlich, wie Petra Hartlieb zusammen mit ihrem Mann das Gemeinschaftsprojekt Buchhandlung führt, genau so mitreißend beschreibt und schildert sie ihre Geschichte in „Meine wundervolle Buchhandlung“: eine wilde Mischung aus Sehnsuchtsbuch (denn seien wir ehrlich – wer von uns Buchaffinen träumt nicht heimlich von einer eigenen Buchhandlung, von einem Arbeitsumfeld, in dem es nach Papier riecht, in dem die Namen großer Dichter zusammen mit denen aktuell erfolgreicher Autoren durch die Luft flirren, in dem Klassiker auf Moderne treffen, in dem man andere Menschen durch eine bloße Empfehlung glücklich machen kann, von Lesungen und Treffen mit großen Autoren will ich gar nicht erst anfangen) und heiter-dramatischem Familienroman, ergänzt durch Charakterstudien und Anekdoten aus dem täglichen Umgang mit den unterschiedlichsten Kunden. Übrigens, obwohl ich noch nie in einer Wiener Buchhandlung war, schwirrt mir auch Wochen nach der Lektüre noch die Frage „Woll’n Sie ein Sackerl?“ durch den Kopf…

Aber Petra Hartlieb kann auch kritisch. Dieses Leben am Limit, der unermüdliche Arbeitseinsatz, das latent vorhandene schlechte Gewissen den Kindern und der Druck der Verantwortung den angestellten Mitarbeitern gegenüber, das ständige Improvisieren und nicht zuletzt der Kampf gegen den Online-Giganten Amazon und ums Überleben in einer schon lange totgesagten Branche – das alles wird nicht ausgespart.

Allerdings wäre Petra Hartlieb nicht Petra Hartlieb, wenn sie es nicht schaffen würde, selbst diese dunklen Momente mit einem Augenzwinkern zu beschreiben. Der letzte Abschnitt in ihrem Buch ist deshalb  für mich auch bezeichnend für die Person Petra Hartlieb, für den Geist von Hartliebs Bücher, für das gesamte Projekt:

„ Allerdings reicht es längst nicht mehr, eine gute Buchhändlerin zu sein. Da musst du dir schon ein bisschen mehr einfallen lassen. Marketingexpertin, Werbefrau, Grafikerin, Controllerin, Webdesignerin, Veranstaltungsprofi, Verpackungskünstlerin, Psychotherapeutin. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und eigentlich ist es auch gerade das, was uns antreibt, einfach weiterzumachen, alles andere wäre langweilig. Weiterzumachen in Zeiten, in denen so anachronistische Läden wie unserer einmal pro Woche totgesagt werden. Weiter machen, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Weil wir nichts besser können. Weil wir nichts lieber tun.“

„Meine wundervolle Buchhandlung“ ist ganz frisch im DuMont-Verlag erschienen, 208seitige Modelmaße gekleidet in gelungenem Coverkleid, kostet 18,00 € und ihr Buchhändler vor Ort findet sie unter der ISBN 978-3-8321-9743-8.

Nachschlag: eigentlich wollte ich dieses Buch damals nur kurz anlesen. Aber einmal angelesen, mochte ich nicht mehr aufhören, so kurzweilig ist es geschrieben und es schenkte mir einen wunderbar schönen, entspannten Lesenachmittag. Manchmal fragte ich mich, ob das wirklich alles so stimmte – oder ob es doch nur so ein gut kalkuliertes Marketing-Ding ist. Vieles spricht dafür, also für die Wahrheit, soweit man diese aus den verschiedensten Gründen in Buchform bringen kann. Die Buchhandlung (mit Schwester) in Wien gibt es tatsächlich, mit einer Person gleichen Namens bin ich mittlerweile bei Facebook verbandelt. Im Oktober geht’s nach Frankfurt, zur Buchmesse. Wenn es stimmt, was im Buch steht und der Verlag schreibt, wird sie da sein. Persönlich. Vielleicht frag ich sie dann. 😉

Wer jetzt nicht nur lesen, sondern auch was fürs Auge will, hier gibt’s den Film zum Buch:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=38NMbh8L5xg

Über Petra Hartlieb:

Sie wurde 1967 in München geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen, studierte in Wien Psychologie und Geschichte und arbeitete danach als Pressefrau und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. Seit 2004 betreibt sie mit ihrem Mann eine Buchhandlung in Wien. Gemeinsam mit Claus-Ulrich Bielefeld ist sie das Autorenduo einer Krimireihe, die im Diogenes-Verlag erscheint.

 

6 Kommentare

  1. Scheiße, habe gerade eine Buchhandlung besucht, dieses Buch gesehen, reingelesen, mich festgelesen und es gleich mitgenommen… Tja, so ist es mir tatsächlich heute mittag ergangen. Und nun sehe ich hier Deine Besprechung und bin gespannt, wie es im Buch weitergeht…
    Liebe Grüsse
    Kai

  2. Das ist ein Tipp, der mir gerade recht kommt. Der kommt auf alle Fälle auf die Liste. Danke für diese Rezensison, leichtfüßig geschrieben wie immer!

  3. Pingback: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben – Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung | glasperlenspiel13

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