Dorian Steinhoff – Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern

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Wie, bitte,  soll man  eine einzige, zusammenfassende Rezension über eine Sammlung von sieben völlig unterschiedlichen Erzählungen verfassen, bei der jede Erzählung für sich genommen irgendwie besonders ist? Ich versuche es trotzdem:

Wir kennen sie alle, diese Situationen, die diesen gewissen einen Punkt markieren, an dem unser Leben eine andere Richtung einschlägt. Dass wir diesen Punkt oft erst im Nachhinein als solchen erkennen, macht die Sache dabei nicht einfacher.

„Und es galt wie immer: Wer sich wehrt, kriegt es härter. Das wusste ich von ihnen, wie sie von mir wussten, dass man mich nur genug drängen muss, damit ich zu allem JA sage.“ (S. 19)

„JA“ sagen musste Bürkan dann gar nicht mehr. Bürkan, aufstrebendes Fußballtalent, dem seine Herkunft samt dazugehöriger Freunde die Zukunft beinahe verbaut. Es reichte schon, dass er nicht „Nein“ sagte. Er sagte es nicht, obwohl er es hätte sagen können. Genau davon handeln im Kern die Erzählungen von Dorian Steinhoff: von den Möglichkeiten, die man nicht nutzt, von der Frage, wie das Leben weitergegangen wäre, hätte man sich an einer dieser markanten Punkte für eine andere der Möglichkeiten entschieden.

In sieben Erzählungen schildert Dorian Steinhoff diese Marker der Lebenslinien;  von Personen, deren Charaktere und Lebensumstände unterschiedlicher nicht sein könnten: ein Jugendlicher, der  in einer betreuten Wohngruppe lebt, es in einer Krisensituation schafft, das tatsächlich Richtige zu tun, um am Ende zurückzubleiben, allein mit seinen leeren, kalten Händen.

Ein junges Pärchen, er mitten in seiner Diplomarbeit, sie gerade in neuer Stelle, konfrontiert mit einer ungeplanten Schwangerschaft: während er ruhelos durch die Wohnung tigert, immer noch schwankend zwischen der gemeinsam beschlossenen Gewissheit, gerade jetzt kein Kind haben zu wollen und der nie ausgesprochenen, nur geheim zugestandenen Frage, wie es sich wohl anfühlen mag, ein Kind zu haben. Während er auf ihre Rückkehr vom Termin der Abtreibung wartet, um dann wieder neu anknüpfen zu können, wo „es doch vorbei ist, es ist überstanden.“ ,  und noch gar nicht realisiert hat, dass sie nicht nur ihr gemeinsames Kind aus ihrem Leben getrieben hat, sondern auch die Zukunft mit ihm. Obwohl er sich selbst schon vorab die Frage danach gestellt hat:

„Ich frage mich, wann ich Anne verloren habe auf diesem Weg. Ich suche nach einem Moment, irgendeiner Geste, einem Satz, der mir hätte anzeigen müssen, dass bei ihr in den letzten zehn Tagen ein komplett anderer Film ablief als bei mir. Mir war klar, dass ich nicht weiß, wie es mit uns weitergehen soll.“ (S. 146)

Auch, wenn die Geschichten alle völlig unterschiedlich sind – bei allen hat es Dorian Steinhoff geschafft, mit einer eher knapp gehaltenen Sprache komplexe Charaktere und das Dilemma, in dem sie sich befinden, darzustellen. Er braucht nicht viele Ausschmückungen, um die Stimmungen hervortreten zu lassen, braucht nicht viele Worte, um dem Leser die ganze Bandbreite seiner Personen  zu präsentieren.

Einziger Wermutstropfen war für mich seine Erzählung über einen autistischen Jungen, dessen Verhältnis zu einer erwachsenen Frau völlig missverständlich von seiner Umwelt wahrgenommen wird und zu entsprechenden Konsequenzen führt. Mir erschien die Gedankenwelt für einen Autisten sehr untypisch, was dann auch entsprechend den Fortgang nicht plausibel erscheinen lässt, für mich zumindest nicht.

Dafür ist das Kapitel „Wasser“, aus dem auch der titelgebende Satz stammt, einfach gut. Richtig gut. Es fängt mit der Urlaubsreise eines Backpackers an, der an den Stränden Vietnams ein paar entspannte Tage verbringen, alleine sein, runterkommen, surfen und lesen will. Er schließt sich einem anderen Pärchen an, man versteht sich gut, hat Spaß – und da ist er dann wieder, dieser eine Moment, an dem man den einen falschen Satz sagt, die eine Situation anders einschätzt, das Leben eine Volte schlägt und man nicht mehr derselbe ist, der man doch vor diesem einen verdammten Moment noch war.

Die ganze Geschichte will ich an dieser Stelle nicht im Detail ausbreiten, damit jeder noch selbst in den Lesegenuss kommt. Aber hier wird klar, warum bzw. wofür Dorian Steinhoff in diesem Jahr das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln verliehen bekam.

In einem Interview der Rheinischen Post mit Philip Holstein antwortete Dorian Steinhoff auf die Frage, wie man heute erzählen solle: „… Ich frage lediglich: Ist es gut erzählt? Und: Berührt es mich?“

Zum Buch „Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern“ sage ich: ja, es ist gut erzählt. Und ja, es berührt mich. Es beschäftigte mich aber noch weiter und es gibt Textpassagen, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben. Dann hat er es offensichtlich richtig gemacht. Und den Namen Dorian Steinhoff sollte man sich merken. Von ihm werden wir bestimmt noch häufiger lesen. Ganz bestimmt sogar.

„Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern“ scheint für 16,90 € unter der ISBN 978-3-938539-29-3 auch auf andere Köpfe und wurde vom mairisch-verlag zwischen zwei Buchdeckeln eingefangen.

Über Dorian Steinhoff:
geboren 1985 in Bonn, ist Autor und Literaturvermittler.
Seit 2007 hat er Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum. Er arbeitet mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in kulturellen Bildungsprojekten, außerdem schreibt er für jetzt.de, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, und moderiert Literaturveranstaltungen. 2012 bekam er den Georg-K.-Glaser-Förderpreis. Er lebt in Düsseldorf und München.

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