Simon van Booy – Die Illusion des Getrenntseins

Die Illusion des Getrenntseins

 

Was der Klappentext verrät:

„Eine kleine Bäckerei in Paris, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Ein Soldat, dem in einem Akt der Güte das Leben geschenkt wird und der damit das Richtige tut. Eine mutige junge Frau, die offene Arme hat für ein Neugeborenes ohne Namen. Und ein Autor, der die Geschichte dieser Menschen in einer wunderbar zarten, eleganten Prosa erzählt – und dabei die unglaubliche Wucht menschlichen Schicksals entfaltet.“

Als Martin schon fast alt genug für die Schule ist, erzählen ihm seine Eltern, dass ihnen vor einigen Jahren, mitten in den Kriegswirren, ein Fremder ein Baby auf den Arm gedrückt hat: ihn selbst. Er braucht Jahre, um seine Herkunft zu begreifen – und er braucht sein ganzes Leben, um dem Mann zu begegnen, der ihn einst gerettet hat. Und auch dann weiß er nicht, wer da vor ihm steht.

Was ich verrate:

Getragen wird die Geschichte von dem Gedanken, dass  all unsere Leben auf irgendeine Weise miteinander verwoben sind.

„Wo wir auch hingehen, wir hinterlassen immer etwas von uns, ob wir es merken oder nicht.“

Oft wissen wir nichts davon, können es gar nicht wissen – und doch gibt es Fäden, die uns über Generationen und Kontinente hinweg verbinden und beeinflussen.

„… und er hat auch schon früh erkannt, dass das, was die Menschen für ihr Leben halten, in Wirklichkeit nur dessen Umstände sind. Die Wahrheit ist näher als das Denken und liegt in dem verborgen, was wir bereits wissen.“

Wer jetzt denkt, er würde einen Roman lesen können, in dem die Suche eines Mannes zu seinen Wurzeln geschildert wird, in Rückblenden erzählt und mit einem sich wunderbar einfügenden Ende – der hat sich wirklich vorbildlich vom Klappentext blenden lassen, so wie ich zugegebenermaßen auch.

Ja, es wird in Rückblenden erzählt. Aber Simon van Booy nimmt den Leser nicht an die Hand, um ihm die Chronologie eines Lebens in verschiedenen Stationen mit seinen möglichen Verstrickungen vorzuführen.

Nein, er verknüpft Fragmente verschiedener Leben in verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Perspektiven; man wird förmlich durch diese Leben und Zeiten und Perspektiven gewirbelt, dass einem Hören und Sehen vergehen kann – und das nicht zuletzt wegen der unglaublich ausdruckstarken Sprache. Simon van Booy beschwört in kurzen Sätzen (die ein paar Mal etwas zu kurz ausgefallen sind) und unter Verzicht auf schmückendes Wortbeiwerk so intensive Szenen herauf, dass ich mehr als einmal die Luft beim Lesen angehalten habe.

„Ich versuchte dem Jungen zu vermitteln, dass sich das Leben der Menschen oft durch geschwungene Linien verändert, die langsam von Papier, Sand oder Stein gelesen werden.“

Wer sich durch solche geschwungenen Linien eine Geschichte voll beißender Intensität in Herz gravieren lassen möchte; wer sich in schmerzlich schönen Bildern absolute Grausamkeit, die pure Liebe und das grenzenlose Vertrauen in die Menschlichkeit zeigen lassen will – der sollte und darf sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

„Unsere Liebe zu dir“, sagte sie, „wird immer größer sein als irgendeine Wahrheit.“

 

Erschienen: 14.04.2014
Gebunden, 207 Seiten, Suhrkamp/Insel
ISBN: 978-3-458-17592-6
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann

Über den Autor:

Simon van Booy, geboren und aufgewachsen in Wales, lebt mit seiner Frau und Tochter in Brooklyn. Er ist der Autor von zwei Erzählungsbänden und zwei Romanen sowie drei Philosophiebüchern und schreibt u. a. für die New York Times, den Guardian und die BBC. Sein Werk wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.

http://www.simonvanbooy.com

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