Petra Piuk – Lucy fliegt

Wir kennen das alle: Sitznachbarn im Zug, im Bus, im Flugzeug. Man kann sie sich nicht aussuchen. Mal hat man Glück und sie sind einfach nett. Bleiben auf ihrem Sitz, liegen nach dem Einschlafen nicht auf unserer Schulter und teilen uns auch nicht ungefragt ihre wie auch immer gearteten Neuigkeiten, Meinungen und Neigungen mit. Und manchmal hat man eben nicht so viel Glück. Läuft es ganz schlecht, sind sie wie Lucy.

Abgedrehte Lebensweisheiten ohne Pause – und man kann nicht weg

Das ist dann der Super-GAU. Neben Lucy im Flieger zu sitzen gleicht einer Heimsuchung. Man will den Platz wechseln. Oder lieber noch, aussteigen, und zwar sofort. Aber der Flieger ist schon längst in der Luft, und schon ist man mittendrin in ihrem verkorksten Leben.

Um es kurz zu machen: Es brauchte nur ein paar Seiten und ich war völlig genervt von dieser einfältigen Quasselstrippe namens Lucy, die mir ungefragt ihre völlig abgedrehten Lebensweisheiten und ihre naiv-verblendeten Träume hochfrequent ins Hirn hämmert. Noch dazu in unvollständigen Sätzen: Lucy verzichtet nämlich auf Verben, wenn sie aus dem Nähkästchen plaudert. Das ist in doppelter Hinsicht nur konsequent, spiegelt es doch Lucys permanente Nervosität und ihr Unvermögen, einen Gedanken auch nur ansatzweise zu Ende denken zu können.

Macht man sich selbst zum Opfer – oder wird man dazu gemacht?

Allerdings gibt es da dann diese Momente, in denen sich, immer nur stückchenweise, in gedanklichen Rückblicken die Gründe für diese Oberflächlichkeit offenbaren. Für diese unglaublich einfältige Art, sich selber aus der Verantwortung zu ziehen, sich selber zum Opfer der Umstände machen zu wollen. Weil sie, wie man ganz allmählich dahinterkommt, in Wahrheit nämlich das Opfer ist. Und zwar in vielfacher Hinsicht. Und diese eingestreuten Hinweise können einen weinen machen, sie liegen einem im Magen. Lange und schwer.

Ich möchte vorwegschicken: „Lucy fliegt“ ist kein Buch, dass man flott durchlesen sollte, obwohl man es durchaus kann – es ist flüssig geschrieben und Lucy selbst jagt ja nur so durch Zeiten, Zeilen und Zeichen. Aber zu leicht ließe man sich verleiten, einfach durch den Text zu fliegen. Wenn man jedoch bereit ist, etwas Tempo rauszunehmen, gibt man den Momenten mehr Raum, die den Roman eben besonders machen. Diese Momente, wenn erkennbar wird, dass Lucys unglaubliche Naivität lediglich ein Schutzschild ist gegen die Ahnung von Ohnmacht . Eine Ohnmacht mit der Erkenntnis gepaart, dass sie, Lucy, ins Nichts verschwinden wird, wenn sie aufgibt; dass alles umsonst war, umsonst ist und auch immer sein wird.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt – oder besser doch nicht?

Obwohl die ganze Geschichte getragen wird von einem leichten, witzig-ironischen Grundton, sollte man sich davon (und vor allem vom Klappentext) nicht täuschen lassen. Neben der Abrechnung mit sämtlichen Formate wie GNTM, DSDS und was es sonst noch so gibt, sind es diese beiläufig eingestreuten Momente, die sich mit ihrer hintergründigen Bedeutung in mir tief und nachhaltig festgesestzt haben.

Wenn sie die Besuche des Stiefvaters relativiert, weil ja dabei eigentlich nichts Schlimmes passiert ist. Wo doch die Mutter schon sagt, dass sie da bestimmt was mißverstanden hat.

Wenn Lucy sich die Seele aus dem Leib kotzt, weil sie an ihrem Geburtstag mangels Alternative nur mit sich selbst anstoßen konnte.

Wenn sie von der Leere nach der Abtreibung erzählt, mit der man zu leben lernt, weil es doch gerade in diesem Fall die einzig richtige Entscheidung war, oder?

Wenn sie eine Vergewaltigung zu beschönigen versucht, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie es wieder ist, die verletzt und gedemütigt zurückbleibt, schweigt und zurechtbiegt, um ihre Beziehung zu retten – und letztlich sich selbst.

Was man sonst noch so sagt über Lucy

Bloggerkollegin Mariki vom Bücherwurmloch resümiert in ihrer Besprechung:
„Das alles zu lesen, ist amüsant, doch das Lachen bleibt mir im Hals stecken, und am Ende des Buchs bin ich bekümmert. Petra Piuk hat nicht nur ein Mädchen, sondern eine halbe Generation porträtiert, die nach Bekanntheit und Beifall giert – um jeden Preis. Denn das Leben, das sie führt, bedeutet ihr gar nichts.“

„Lucy fliegt“ von Petra Piuk erschien unter der ISBN 978-3-218-01026-9 bei Kremayr & Scheriau.

Wer mehr über Petra Piuk erfahren möchte, der wird hier fündig.

 

1 Kommentare

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