Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41

Jean-Philippe Blondel 6 Uhr 41 HANSER

 

Wenn man eine längere Fahrt mit dem Zug vor sich hat, hofft man vielleicht auf etwas Ruhe, Zeit zum Lesen, zum Rausschauen und um die Gedanken fliegen lassen zu können. Was man meist nicht braucht, sind unangenehme Gerüche, Notbremsungen und Sitznachbarn, die einen ohne Luft zu holen zutexten oder einem zu nah auf den Pelz rücken.

Was man an einem frühen Montagmorgen als beruflich erfolgreiche, selbständige Mittvierzigerin nach einem absolut verkorksten Wochenende bei den langsam dem Altersstarrsinn verfallenden Eltern definitiv nicht braucht, ist ein Ex-Partner, der sich auf den einzig noch frei gebliebenen Platz im Abteil setzt – und sich dieser einzig freie Platz (natürlich!) direkt neben einem befindet. Ein Ex-Freund, mit dem man vor fast dreißig Jahren vier Monate lang liiert war, dem man nach dem finalen Wochenende in London allenfalls noch die Pest an den Hals wünschte und ihn in diesem Leben bitte schön nie mehr wiedersehen wollte.

Das ist die Ausgangssituation, die Jean-Philippe Blondel in seinem Roman „6 Uhr 41“ beschreibt – und zwar aus beiden Perspektiven: der von Cécile, die erfolgreich ein Unternehmen im Biokosmetikbereich führt, verheiratet ist, eine Tochter hat und über die Philippe denkt, als er sie im Zug verstohlen mustert:

„Sie hat sich auch verändert, aber… wie soll ich es ausdrücken… „zum Guten“. Genau, das ist es, sie hat sich positiv verändert, denn früher war Cécile Duffaut eher durchschnittlich, und jetzt, man sehe und staune, ist sie eine schöne Frau, der man ihr Alter nicht ansieht, wie man so schön sagt.“

Auf der anderen Seite Philippe Leduc, geschieden, Vater zweier Kinder und Verkäufer von Fernsehern und HiFi-Geräten, von dem Cécile feststellt:

„Was früher so reizvoll an ihm war, war sein Strahlen. … Bei seinem Anblick sagte man sich unwillkürlich, dass dieser junge Mann einem das eigene Leben zu einem Fest machen würde. … Es gibt solche Menschen, die förmlich durchs Leben schweben, und erst nach den ersten persönlichen oder beruflichen Enttäuschungen, dem Tod eines Elternteils oder eines Freundes, bekommt der Lack die ersten Risse. Und er scheint eine ganze Menge abbekommen zu haben.“

Und jetzt sitzen beide nebeneinander, peinlich berührt, haben sich gegenseitig erkannt, ohne sich zu erkennen zu geben, einträchtig in ihrem betretenen Schweigen. Jeder für sich überlegt, ob er es tun oder wagen soll, den anderen anzusprechen. Ob überhaupt – und wenn ja, warum? Würde es etwas ändern? Was würde es ändern? Was sagt man nach all dieser Zeit?

Jean-Philippe Blondel erzählt mit dieser gewissen typisch französischen Leichtigkeit, die kräftig an der Oberfläche kratzt, ohne das Darunter bloßzustellen; die Höhen und Tiefen der Charaktere beschreibt, ohne sie zu werten. Mir hat es gefallen, den beiden beim Denken über die Schulter zu schauen: ich war gespannt, was wohl an diesem ominösen Kurzurlaub in London vorgefallen sein mag, dass es zu so weitreichenden Konsequenzen führen konnte, zumindest für Cécile. Es ist eine Geschichte über diese markanten Punkte im Leben, an denen durch eine Erkenntnis sich die (Denk-)Richtung ändert, der Fokus sich verschiebt und das Bild der eigenen Zukunft in einer anderen Farbe ausgemalt werden muss. Und so sitzen sie dort, denken an ihre Vergangenheit, ihre Träume; erklären sich ihre Beweggründe, bereuen, bedauern, rechtfertigen ihre Entscheidungen, ziehen Bilanzen und formulieren ihre Ansprüche für die Zukunft. Still. Leise. Und jeder für sich. Anderthalb Stunden lang, die ganze Strecke bis zum Gare de l’Est, auf den sich der Zug, ihre Gedanken und vielleicht auch ihr Schicksal zubewegt.

Durch diese beengte Situation im Abteil, der man so leicht nicht ausweichen kann, entsteht zwischen den beiden eine nachvollziehbar feine, irritierende Spannung, die durch die zeitliche Begrenzung und die Fokussierung auf die Ankunft am Gare de l’Est noch angezogen wird. Ich war gespannt und neugierig, ob einer von beiden sich überwindet und das Schweigen bricht. Oder ob sie ankommen und einfach so wieder auseinander gehen, mit all dem Gedachten, Verworfenen, dem Nicht-Gesagten. Zwischendurch keimte in mir noch der Verdacht auf eine weitere Option eines möglichen Endes, die ich aber hier natürlich nicht ausbreiten werde. Beide machten es sich nicht leicht mit ihrer Entscheidung, und beinahe…

„Manchmal trägt uns das Leben in eine ganz andere Richtung als geplant. Und das ist manchmal auch ganz gut so.“

Sämtliche Erkenntnisse der beiden, von Anne Braun übersetzt, lassen sich auf 192 Seiten zügig und unterhaltsam nachlesen, nachdem das bei Deuticke verlegte (gehört zu Hanser) und als Hardcover gebundene Werk vom Buchhändler des Vertrauens mit der ISBN-Nr. 978-3-552-06255-9 bestellt, geliefert und gegen 16,90 € eingetauscht wurde.

Jean-Philippe Blondel wurde 1964 im französischen Troyes geboren, wo er heute auch als Autor und Englischlehrer mit seiner Familie lebt. Sein Roman „6 Uhr 41“ wurde in Frankreich ein Bestseller. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman „Zweiundzwanzig“.

 

1 Kommentare

  1. Kirsten W.

    Ich las den Roman vor ein paar Wochen und war – wie so oft bei französischen Autoren/innen – beeindruckt von dieser „gewissen typischen französischen Leichtigkeit, die kräftig an der Oberfläche kratzt“. Das trifft es ganz genau. Die Auflösung der Geschichte erinnerte mich ein bisschen an das Ende einer Erzählung von William Trevor „In Isfahan“ – nur mit umgekehrten Vorzeichen (sie ist er und er ist sie): „Und er würde sich an eine Frau erinnern, die, tief unter einer wenig anziehenden Oberfläche, jene Würde besaß, die ihre Augen auf geheimnisvolle Weise für sie beanspruchten. Unter anderen Umständen […] wäre sie ans Licht gekommen.“ Vielleicht wird in „6 Uhr 41“ aus „wäre“ ja noch „wird“. Das ist eine der großen Stärken dieses Romans, dass sich im Kopf des Lesers ein zweiter Roman abspielt: nämlich das eigene Leben passiert Revue. Und schön, das Buch zuzuklappen und festzustellen, dass noch die ein oder andere Option offen bleibt, dem Leben eine andere Richtung (und sei es nur eine graduelle Kurskorrektur) zu geben – übrigens ganz altersunabhängig.

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