Doris Knecht – Besser

„Die Kaufmanns haben sich getrennt. Ich konnte es gar nicht glauben. Sie haben erst im August geheiratet, mit einem großen Fest. Es war schön, schöner als meine eigene Hochzeit, leichter, lockerer, rührender. Wahrscheinlich, weil ich nur Gast war und Publikum, ganz unangespannt. Ich denke nicht sehr gern an meine Hochzeit, vielleicht, weil ich damals die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass Adam hereingelegt wird. Von mir.“

Zack! Beim Lesen der ersten Zeilen ahnt man’s, spätestens nach der zweiten Seite weiß man’s: „Besser“ ist nichts für Romantiker. Doris Knecht nennt die Dinge beim Namen – glasklar, schonungslos und unmissverständlich. Und gerade diese Sprache ist es, die es mir so angetan hat; die eine unglaubliche Präsenz der Charaktere und ihrer Verflechtungen miteinander schuf; die mich gebannt die Geschichte bis zum Ende verfolgen ließ. Es ist kein gemütliches Buch: es ist aufwühlend, nachdenklich machend, Fragen aufwerfend; im einen Moment möchte man laut lachen, während einem beim unmittelbar nächsten Satz eben dieses Lachen im Halse stecken bleibt.

Antonia Pollak lebt das auf Hochglanz polierte Vorzeigeleben eines „BoBo’s“ – glückliche Ehe, fürsorglicher Ehemann, keine Geldsorgen, eigenes Atelier, zwei gut geratene Kinder. Man trifft sich mit guten Freunden zum Essen, Trinken und Diskutieren. Alles geordnet, alles schön, alles passt.

Aber als Leser weiß man mehr.

Von Anfang an schaut man ihr sozusagen als Mitwisser beim Leben über die Schulter. Man erfährt Dinge, die so gar nicht in dieses Arrangement zu passen scheinen, die einem selbst nicht so ganz passen. Man erfährt, dass sie ihren Mann, den sie doch aufrichtig liebt, immer wieder betrügt – nicht nur mit einem Liebhaber, auch mit Lügen über ihre angeblich verstorbene Mutter und ihre gesamte Vergangenheit. Sie macht es mit vollem Kalkül, schließlich ist es der Mann, den sie wollte und den sie immer noch will, koste es, was es wolle. Sie spielt ihre Rolle perfekt. Und sie weiß, dass sie spielt. Aber sie spielt nicht um des Spielens willen, sondern weiß ganz genau, dass sie um ihr Leben spielt. Oder für ihr Leben. Genau das ist es, was sie manchmal einbrechen lässt. Momente, in denen sie sich mit ihrer nackten Angst konfrontiert sieht und ihr einfach nicht ausweichen kann: der Angst, aufzufliegen, wie ihre Mutter zu sein, ihren Kindern nicht die Mutter sein zu können, die sie verdient haben.

„…Verlust und Versagensängsten, von der Gewissheit, dass nichts sicher ist und dass ich meine Familie, meine Kinder nicht beschützen kann, dass ich sie jeden Tag im Stich lasse, dass ich sie nicht genug liebe und ihnen keine gute Mutter bin. Gar nicht sein kann“.(S. 51)

 Gleichzeitig gibt es Augenblicke, in denen sie aus ihrem eigenen Gefängnis ausbrechen und sich, ihren Mann und ihre Freunde so sehen kann, wie sie sind, ohne diese Voreingenommenheit, die einen relativ objektiven Blick auf andere Menschen nicht zulässt. Diese spontanen Eindrücke haben mich immer sehr berührt, gerade durch die klare, schnörkellose Sprache werden die Empfindungen doppelt greifbar:

„Wir kommen alle von irgendwo her. Wir sind alle beschädigt. Und die meisten von uns wissen, warum sie jetzt da sind, wo sie sind. Und warum wir leben, wie wir leben, und warum wir sind, wie wir sind. Und warum wir so leben wollen, wie wir leben, warum wir genau so lieben, nicht anders.“ (S. 282)

Gleichzeitig besticht der Roman durch Seitenhiebe auf gesellschaftliche Phänomene. Wie nebenbei bekommt die Oberflächlichkeit und Arroganz bestimmter Gruppen (oder das, was wir dafür halten) ihr Fett weg, ob es nun um die Art und Notwendigkeit bestimmter Sportarten, die Wichtigkeit der Essenszubereitung oder die richtige politische Ausrichtung geht. Bemerkenswert sind dabei Antonias Gedankengänge, die deutlich machen, dass es sich bei ihr nicht einfach nur um ein alles berechnendes Biest handelt, sondern um eine zutiefst verletzte Seele, die auf ihre eigene  Art darum kämpft, es „Besser“ zu machen. Sie zeugen von dem unglaublichen Kraftakt einer Auseinandersetzung, der sich aus dem Versuch, die Vergangenheit zu bewältigen einerseits und einem hohen moralischen Anspruch an sich selbst andererseits ergibt.

„Es geht nicht um Herkunft. Es geht darum, was die Herkunft, die Umstände und die Stigmata ihrer Herkunft aus ihnen gemacht haben, und dass sie deshalb nicht in der Position sind, daran etwas zu ändern. Oder nur mit unheimlich viel Kraft, so viel Kraft, dass es einen einzelnen Menschen meist überfordert. Ich kenne mich aus mit Herkunft, ich weiß, was sie mit dir macht. … Ich kann diese Kinder nicht ändern, und sie können nichts für das, wozu sie gemacht wurden, aber ich werde Elena vor ihnen beschützen“. (S. 87)

Um es kurz zu machen: dieses Buch sollte, nein, muss man einfach gelesen haben.

Über die Autorin:

Doris Knecht, geboren 1966 in Vorarlberg, war stellvertretende Chefredakteurin des Wiener Stadtmagazins «Falter» und Kolumnistin des Schweizer «Tages-Anzeiger». Für den «Kurier» schreibt sie die tägliche Kolumne «Knecht», für den «Falter» wöchentlich eine Familienkolumne, in der Wiener «rhiz-bar» legt sie regelmäßig als Djane auf. «Gruber geht» (2011), ihr erster Roman, wurde ein Überraschungserfolg und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Doris Knecht lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

Rowohlt Berlin
08.03.2013
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-87134-740-5

 

3 Kommentare

  1. Oh ja, das ist schon sehr viel mehr nach meinem Geschmack und kommt definitiv auf die „To read“ Liste. Danke für die wirklich gute Rezension!

    • Gerne – ich hoffe, das Buch fasziniert dich genau so wie mich!
      Berichte mal!

      LG und viel Lust zu Lesen 😉

      Sonja

  2. Vrigitte Teleki

    lese Doris Knecht zum ersten mal, und zwar „Wald“,finde es sehr interessant und mad die Charakter Studie der Frau sehr.

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