Bettina Hennig – Ich bin dann mal vegan

Bettina Hennig - Ich bin dann mal vegan

„Glücklich und fit und nebenbei die Welt retten“

So lautet der Untertitel des Buches und ich kann sagen – das Buch führt an diesem Ziel vorbei. Völlig. Nach der Lektüre ist man weder schlauer, noch glaubt man, dass vegan wirklich glücklich und fit macht oder die Welt retten kann. Aber gerade das macht das Buch interessant.

Den Menschen, die vegan leben, eilen viele Vorurteile voraus. Sie sollen schrecklich missionarisch, genussverweigernd, humorlos, anstrengend, bleich, mangelernährt sein und ständig schlechte Laune verbreiten. Das kann man sehen, wie man will und auch die Frage, was davon in welcher Ausprägung zutrifft, wird in diesem Buch nicht beantwortet. Allerdings kann ich die oben genannten Attribute im Falle von Bettina Hennig definitiv nicht bestätigen, bin ich doch auf das Buch erst durch ein zufälliges Zusammentreffen mit ihr auf der Frankfurter Buchmesse gestoßen.

Vielmehr beschreibt Bettina Hennig, die zu ihrer fleischigen Zeit gerne Horst Lichter zitierte mit den Worten „Alles unter 400 Gramm ist Carpaccio!“, in ihrem Buch ihren ganz persönlichen, subjektiven Weg in Richtung Veganismus, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit und ohne allzu erhobenen Zeigefinger.

Sie schildert ihre Beweggründe, ihre Konsequenzen daraus und, ganz zu Beginn, ihre „Initialzündung“. Das ist ein Punkt, den ich wichtig zu erklären finde, da Nicht-Veganer (sagt man das so?) oft überhaupt nicht nachvollziehen können, warum jemand diese als radikal empfundene Form der Ernährung oder des Lebensstils wählt: Jeder Vegetarier oder Veganer, der sich nicht bereits von klein auf fleischlos ernährt, erlebt irgendwann diesen „Point of no Return“: Diesen einen, auslösenden Moment, an dem mit einem Schlag die Perspektive sich verschiebt, man durch eine neu gewonnene Erkenntnis Zustände völlig anders bewerten muss – und man schlichtweg nicht mehr zurück kann. Dieser Moment und die Gründe sind so individuell wie die Menschen selber, aber eins haben alle gemeinsam: Es lässt sich dieses Wissen nicht mehr rückgängig machen, nicht ignorieren und man muss sich deshalb einen neuen Weg suchen – der oft in einer völlig anderen Lebensführung enden kann. Kann wohlgemerkt, nicht muss.

Ihr Buch ist in flottem Erzählton geschrieben (man merkt, dass Bettina Hennig aus dem Journalismus kommt); keine literarische Perle, aber trotz des ernsten Themas durchaus unterhaltsam zu lesen. Amüsiert habe ich mich über ihre Beschreibungen, welche Grabenkämpfe innerhalb der Veganerszene zwischen den einzelnen Veganer-Gruppen (ja, da gibt es unterschiedliche und diese Unterschiede hoch differenziert!) ausgetragen werden und was bzw. wie in einschlägigen Foren kommuniziert wird – jeder, der dort schon mal mitgelesen- oder geschrieben hat, dürfte da zustimmend nicken. Die häufige Betonung, dass Veganer immer so wahnsinnig jung aussehen, lässt darauf schließen, dass es für die Autorin ein sehr wichtiger Punkt ist – ich halte das häufige Erwähnen allerdings für so überflüssig wie ihre Fragen zu den Widersprüchlichkeiten im allgemeinen Ernährungsverhalten für nachdenkenswert. So schildert sie zum Beispiel eine Situation mit einer Bekannten, die an einer Laktose-Allergie leidet, deswegen regelmäßig ein Medikament einnimmt und im Café einen großen Latte Macchiato (mit Milch!) bestellt:

„“Ja, und die trinkst du jetzt mit der Milch?“, frage ich.

„Aber dazu sind die (Medikamente) doch da, dass man problemlos Milch trinken kann?“

„Warum lässt du die Milch nicht einfach weg? Das wäre doch das Sinnvollste bei einer Laktose-Allergie. Du verträgst es doch offensichtlich nicht.“

„Ach, ich kann ja den Kaffee ohne Milch gar nicht trinken, das schmeckt mir einfach nicht.“

Ich wundere mich, dass jemand etwas trinkt, was ihm nicht schmeckt, und mit etwas mischt, was er nicht verträgt…“ (S.181)

Es ist, wie gesagt, eine sehr subjektive Beschreibung eines ganz eigenen Weges, nicht mehr und nicht weniger. Bettina Hennig erzählt über die Probleme, vor die man als Veganer gestellt wird, wie die unmittelbare Umwelt darauf reagiert und welche Konsequenzen es für den Alltag haben kann. Und gerade weil es kein Wegweiser zu der einen, richtigen Lebensweise sein will, habe ich es gerne gelesen.

Über Bettina Hennig findet sich auf der Verlagsseite:

 Bettina Hennig schweigt über ihr Alter, denn seit sie sich rein pflanzlich ernährt, wird sie sehr viel jünger geschätzt. Das nutzt sie schamlos aus. Sie ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Dozentin, Journalistin und Buchautorin (u.a. des Bestsellers ›Der frühe Vogel kann mich mal‹). Wenn sie nicht in Hamburg is(s)t, lebt sie in Berlin.

„Ich bin dann mal vegan“ ist im Fischer-Verlag erschienen, kostet 12,99 € und kann vom Buchhändler umme Ecke unter Angabe der ISBN: 978-3-10-403085-2 bestellt werden.

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