Anne von Canal – Der Grund

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Untergang der Estonia am 29. September  1994:

„In der Schwärze der Nacht, in tosendem Sturm, reckte das weiß-blaue Schiff um 01.48 Uhr ein letztes Mal den Bug in die Luft und versank nach weniger als einer Stunde mit einem lauten Seufzer. Mit ihm verschwanden die Wünsche und Träume, die Sehnsüchte, Sorgen, Ängste und Pläne all jener, die an Bord geblieben waren.“ (Seite 11)

Ein Pianist, der in Venedig auf ein Kreuzfahrtschiff geht. Der lieber auf der Flucht ist und sich doch nichts sehnlicher wünscht als einen Hafen, in dem er zur Ruhe kommen kann. Er kann nicht schlafen, betäubt sich mit Whisky, sucht Trost bei fremden Frauen und führt Tagebuch, um sich selbst nicht vollends zu verlieren. Er ist präziser Beobachter am Klavier, sieht und versteht mehr als viel – aber verharrt in ständiger Distanz.

Laurits, ein klassischer Oberklassefuzzi, sitzt  vor dem Prüfungskomitee eines Konservatoriums, spielt um die dortige Aufnahme – und um sein Leben, denn für ihn gibt es nur diese eine Chance: schafft er die Aufnahme nicht, muss er Medizin studieren. Nur unter dieser Bedingung stimmte sein Vater überhaupt einer Teilnahme zu.

Und während er spielt, lässt er in rückblickenden Sequenzen sein ganzes bisheriges Leben an sich vorbeiziehen:

Geboren und aufgewachsen als Sohn eines angesehenen, einflussreichen Augenarztes, der zu Hause den Patriarchen gibt, und einer ständig angespannten, musikalischen Mutter, die ihren Fokus im Laufe der Jahre eher weg vom Klavier und hin zum Klang gefüllter Gläser richtete. Sie war es, die ihn einführte in die geheimnisvolle Welt der Musik: sie zeigte ihm, „dass er mit den Ohren sehen, riechen und schmecken konnte“. Gegen den Willen des Vaters, für den es eigentlich nur um sinnloses Geklimper ging, setzte sie durch, dass Laurits von einer strengen, aber gerechten Klavierlehrerin unterrichtet wurde. Obwohl er die Zeit vor der ersten Unterrichtsstunde als furchtbar, fast schon traumatisch empfindet, werden die regelmäßigen Stunden bei ihr zu einem wichtigen Fixpunkt in seinem Leben.

Während seine Finger sich sicher über die Tasten arbeiten, erinnert er sich an seinen Jugendfreund Pelle, mit dem er seine gesamte freie Zeit verbrachte und der, obwohl nicht standesgemäß, in seinem Elternhaus ein- und ausging und der selbst von seinem nahezu „göttlichen“ Vater eine besondere Art des Respekts genoss, obwohl oder gerade weil er absolut unbekümmert und selbstbewusst allen anderen Menschen entgegentrat. Der unbestechliche Pelle durschaute selbst als Kind bereits die Strukturen und Verflechtungen, in denen Laurits gefangen war und deckt sogar eine Lüge seines Vaters auf – und lachte ihn aus wegen seiner Angst.

Und nun sitzt er hier, spielt um seine Zukunft, für sein Ziel, seine Freiheit. Das erste Mal geht es nur um ihn, er spielt gut, und er weiß, dass er  gut spielt.

Jahre später: Laurits feiert mit seiner Frau Silja, seiner Tochter Lijs, Familie und Freunden seinen zehnten, glücklichen Hochzeitstag. Es ist ein großes, harmonisches Fest – bis ihm sein Lieblingsonkel, einem Impuls nachgebend, eine Eröffnung macht, die Laurits ganzes bisheriges Leben mit einem Schlag zusammenfallen lässt und ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht. Er zweifelt und verzweifelt an allem: an sich, seinem Leben, an der Liebe und dem Vertrauen, empfindet verbittert nur noch Verrat. Laurits sieht keine Möglichkeit mehr, sein altes Leben weiterzuführen und fühlt sich gezwungen, sich völlig neu zu erfinden und beginnt noch einmal von vorn…

„Die Erinnerung ist tückisch, sie kommt und geht, wie es ihr passt. Ich habe gelernt, sie zu ignorieren. Sie lähmt nur. Faktisch ist sie absolut irrelevant.“ (Seite 87)

Wie das alles zusammenpasst? Es passt, und wie. Aber vorher führt Anne von Canal uns durch die Höhen und Tiefen eines möglichen Lebens. Wir müssen uns die Frage stellen, wie viel ein Mensch in einem Leben zu verkraften vermag. Wir erleben Situationen, die absolute Grenzpunkte in einem Leben darstellen; Grenzpunkte, in denen die alten Kategorien, mit denen wir unser Leben bisher zu ordnen versuchten, nicht mehr greifen. Es gibt kein gut oder schlecht mehr, kein richtig oder falsch; es geht nur noch darum, wie man weitermachen kann, wenn alles das, woran man glaubte, nicht mehr vorhanden ist. Wenn man selbst nicht mehr der ist, für den man sich hielt.

 „Aber in Wahrheit pflügt das Schiff durch die Zeit, der Bug ist schon Zukunft, das Heck längst Vergangenheit. Es gibt nur eine Richtung und kein Zurück. Voraus ist immer noch Hoffnung. Achtern nie. Wer sich umdreht, erstarrt zur Salzsäule. Vor Schreck. Vor Schmerz. Das war schon zu Lots Zeiten so. Warum sollte man also zurückschauen?“ (Seite 19)

Es geht um die Verantwortung sich selbst und den anderen gegenüber, um das, was wir anderen zumuten, um uns selbst zu retten. Wir sehen Menschen, die sich aufrichtig lieben – und genau diese Liebe, die als die größte Kraft empfunden wird, noch nicht reicht, um einen eingeschlagenen Weg zusammen weiter gehen zu können. Wir erkennen, dass wir unter bestimmten Voraussetzungen bereit sind, die Fehler unserer Eltern zu wiederholen, obwohl sie uns tiefe Wunden zugefügt haben – und wir es eigentlich besser wissen müssten.

All das verknüpft Anne von Canal in ihrem Debüt sehr gelungen miteinander; in verschiedenen Zeiten, auf verschiedenen Ebenen und in einer wunderbar klaren Sprache, die durch ihren Verzicht auf allzu ausführliche Beschreibungen die durchgängige Melancholie, Traurigkeit und Tragik umso deutlicher hervortreten lässt – ohne dabei melodramatisch zu werden.

Aus diesen Gründen hat mich das literarische Debüt Anne von Canals in mehr als einer Hinsicht sehr beeindruckt.

 

Anne von Canal
Der Grund
272 Seiten,
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen

mare verlag

ISBN 978-3-86648-196-1

Über die Autorin:

Anne von Canal, geboren 1973, war nach dem Studium der Skandinavistik und Germanistik zehn Jahre lang im Verlagswesen tätig, bevor sie sich selbst dem Schreiben widmete. Heute lebt sie auf einem Weingut an der Mosel und zeitweise in Hamburg. Der Grund ist ihr literarisches Debüt.

 

7 Kommentare

  1. liebe frau g., eine schöne buchvorstellung, auch wenn wir unterschiedlicher ansicht sind über das buch, das mich – du weißt es ja, wir hatten schon darüber geredet – nicht so begeisterte, die von dir als wunderbar klar empfundene sprache war mir zu kalt, laurits blieb mir immer fremd…. aber so soll es sein, unterschiedliche empfindungen und eindrücke gehören zum leben.

    liebe grüße
    fs

  2. Lieber flattersatz,
    ja, genau, ist es nicht immer wieder interessant, wie die Bücher auf jeden von uns anders wirken?
    Mir gefiel das Buch von der ersten Seite an, und Laurits… Ihn hätte ich gerne mehrmals schütteln mögen, auf dass er endlich wach wird. Aber auch das: wieder allzu menschlich. Wobei mir aufgefallen ist, dass ich in letzter Zeit nur von Männern gelesen habe, die diesem Typus entsprachen. 😉

    Liebe Grüße
    Sonja

  3. Oh, da bin ich aber froh, dass du es mochtest, nachdem ich die Rezension von flattersatz gelesen habe. Das Buch hab ich nämlich letzte Woche bekommen – und bin schon gespannt …

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